Das Grundgesetz – eine Einladung zur Vielfalt

Ich habe gerade das Grundgesetz neu entdeckt. Und ich staune nicht schlecht: Es hat seit 23.5.1949 nichts von seiner Würde und Mitmenschlichkeit verloren.

Wir haben in unserer deutschen Geschichte die Würde des Menschen mit Füssen getreten – so wie es nur wenige Völker getan haben. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes beginnen daher mit Grundrechten (Artikel 1-19), die für alle Menschen gelten – ganz gleich welcher Religionen sie angehören, wo sie oder ihre Eltern geboren wurden, welche Haut- oder Augenfarbe sie haben.

Es ist gut, wenn das Grundgesetz Gesichter bekommt… Die Autoren dieses Videos haben es sich auf die Stirn geschrieben, auf die Arme, die Hände, den Hals, den Rücken… Und auf einmal hat unsere Verfassung Hand und Fuss – und eine Sprache, die unter die Haut geht.

Wir sind das Grundgesetz I Hauptclip

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Nachdem ich das Video gesehen habe, habe ich noch einmal jeden Artikel der Grundrechte genau gelesen. Was für eine kraftvolle Verfassung wir haben… Hier wird Vielfalt bewusst eingeladen, und zum Fundament unseres gesellschaftlichen Miteinanders erklärt. Flüchtlinge sind willkommen, Unterschiede werden begrüßt und Widerstand ist erwünscht.

Wenn jemand daran gehindert wird, zu lieben oder zu leben wie er will, dann steht auf….

Das Grundgesetz ist eine Einladung zur Vielfalt.
Also – lasst uns unsere Rechte nutzen.

Ubuntu: Ich bin, weil es euch gibt

Einer der Menschen, die mich in meinem Leben wie ein Leuchtturm begleiten, ist Nelson Mandela. Sein unbeirrbarer Glaube an mitmenschliche Möglichkeiten und einen friedlichen Weg lässt mich immer wieder durchatmen – und dranbleiben.

Er steht für mich für die afrikanische Tradition des Ubuntu: “I am because you are.” Dahinter verbirgt sich das Wissen um eine tiefe Verbundenheit zwischen allen Menschen, mit der Natur und dem Leben. Hier gibt es keine Unabhängigkeit. Alles ist mit allem verbunden – es sei denn, wir trennen uns. Abhängigkeit wird zu einem Ausdruck von Unverbundenheit. Und Freiheit beginnt, wenn wir wissen, dass wir Teil des Ganzen sind – und dazugehören.

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Ubuntu weiß: Ich bin, weil es euch gibt.

  • Am Anfang bedeutet das: Ohne die Gemeinschaft unserer Familie können wir
    nicht überleben.
  • In unserer Jugend heißt das: Identität finden wir im Dialog und der Auseinandersetzung mit Anderen.
  • Als Erwachsener zeigt es uns: Manche persönliche Entwickungen brauchen
    ein ganzes Dorf.
  • Als Lebewesen auf dieser Erde erinnert es uns: Nachhaltigkeit braucht die Verbundenheit mit der Natur.
  • Für die Zukunft lehrt es uns: Große Visionen gelingen nur gemeinsam (mit
    unseren Gegnern).

Ich bin aufgewachsen mit einem tiefen Entweder-Oder zwischen Individualität und Gemeinschaft. Beide waren in Konkurrenz zueinander aufgestellt: Entweder ging es um Egoismus oder um Altruismus. In meinen jungen Jahren war meine Sehnsucht nach Zugehörigkeit so groß, dass ich bereit war, auf individuelle Impulse und Eigenarten zu verzichten. Mit der Zeit ist mir dann mein Selbst wichtig geworden – wie eine Edelstein, der geschliffen werden will. Ich habe gespürt, dass sich eine Gemeinschaft nur entwickeln kann, wenn sich jeder ganz einbringt. Ganz bedeutet hier nicht perfekt, sondern: sowohl mit Stärken wie auch Schwächsen. Unsere Schwächen sind das Tor
zum Du, und unsere eigene Unvollkommenheit macht Mitmenschlichkeit und Verbundenheit möglich.

In Ubuntu verbinden sich Gemeinschaft und Individuaität auf eine Weise, die wir in Europa kaum kennen. Selbst-Entwicklung steht hier im Dienst für die Gemeinschaft. Die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens ist dann: Wie kann ich mit meiner Entwicklung der Gemeinschaft und dem Leben dienen?

Das motiviert Menschen zu großen Taten. Das bettet ihre Fähigkeiten ein in einen tieferen Sinn. Das gab Nelson Mandela die Kraft, 30 Jahre im Gefängnis zu sein – ohne bitter und hart zu werden. Für mich ist es der Wind unter den Flügeln. Es inspiriert mich, mich immer wieder ins Nicht-Wissen zu bewegen, und mich mit unseren ungelebten Möglichkeiten und ungenutzten Ressourcen zu verbinden.

Ich bin Psychologin

Wenn ich neue Menschen kennenlerne, taucht im Gespräch irgendwann immer die Frage auf: “Was machst du eigentlich beruflich?” Wenn ich dann erzähle, dass ich Psychologie studiert habe, erlebe ich oft: “Oh… dann muss ich ja vorsichtig sein, mit dem was ich sage”. Irgendwie fühlen sich viele Menschen plötzlich ertappt… Die Angst vor Abwertung und Kritik ist in Deutschland so groß, dass ich gelernt habe, die Frage nach meinem Beruf so zu umschiffen, dass der feine neue Kontakt nicht zerbricht.

Nun hat mich eine Freundin nach Kroatien eingeladen. Der Jugoslawienkrieg ist seit 1995 zu Ende. Seitdem ist so viel Zeit vergangen, wie vom Ende des 2. Weltkriegs bis zu meiner Geburt. Damals hatte ich das Gefühl, dieser Krieg sei seit Ewigkeiten vorbei. In Kroatien kann ich auf einmal spüren, wie kurz 14 Jahre sind… Wie traumatischen Kriegserfahrungen in Menschen weiter leben – und wirken.

Jedesmal, wenn ich mich in Kroatien mit meinem Beruf gezeigt habe, habe ich etwas anderes erlebt: Eine 30-jährige Frau erzählt mir, sie würde so gerne zu einer Psychologin gehen, um ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten… Ein 45-jähriger Kroate, der aufgrund seiner traumatischen Erfahrungen als Soldat arbeitsunfähig geworden ist, sagt: “Wir bräuchten mehr Psychologen in unserem Land. Es gibt so viel leidvolle Geschichte… seiner Familie und seine Freunden kann man sie einfach nicht immer zumuten”.

Die Sehnsucht nach Liebe und Freiheit ist größer, als die Scham für die eigene Geschichte. Ich staune, wie deutlich Menschen die Schatten ihrer Geschichte spüren – und wie positiv ihre Resonanz auf die Fähigkeiten einer Psychologin ist.

Was für eine Wohltat für eine Psychologin.
Was für ein guter Anfang für Europa…

Der Preis Great Place to Work geht an Carpus + Partner

Gerade flattert der virtuelle Newsletter von Carpus + Partner bei mir herein – und ich bin vor Freude ganz aus dem Häuschen.

Dieses mittelständische Unternehmen aus Aachen hat gerade in Berlin den Preis für Great Place to Work – Deutschlands beste Arbeitgeber 2008 bekommen, den das Magazin Capital an die 100 Besten (aus Sicht der Arbeitnehmer) verliehen hat.

Günter Carpus steht für unkonventionelle Sichtweisen und Wege in die Zukunft, Peter Winkler verkörpert den Teamgeist und das gemeinschaftliche Wirken. Zusammen sind sie mit ihrem Unternehmen erfolgreich geworden und haben einen kooperativen Geist des Bauens ins Leben gerufen. Ich habe über die letzten Jahre immer weider bestaunt, wie sie durch ihre unkonventionellen Wegen eine Unternehmenskultur entwickelt haben, die auf Mitmenschlichkeit und partnerschaftlichen Kooperation – auch mit ihren Kunden – beruht.

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis.
Ich freue mich mit euch!

Über die Macht der Sprache

Daniel Goleman hat 1995 mit seinem Buch Emotionale Intelligenz den Grundstock dafür gelegt, dass wir 2007 so selbstverständlich über die Relevanz von Gefühlen und über emotionale Kompetenzen sprechen können.

Heute habe ich ihn als Redner bei TED entdeckt. Sein Vortrag ist auf Englisch, aber absolut sehens- und hörenswert. Wenn er über Compassion spricht, dann klingt es weder spirituell noch abgehoben… Es trägt auch keinen Geschmack von Schuld oder Scham… Es klingt nach Mitmenschlichkeit, nach Aufmerksamkeit, nach einfacher Verbundenheit unter Menschen. Wenn wir in Deutschland von Mitgefühl und Mitmenschlichkeit sprechen, dann klingen diese Worte oftmals verstaubt und weltfremd.

Manchmal verzweifle ich daran, wie abgenutzt unsere Worte sind. Wir haben eine so wunderbar vielfältige Sprache… Mit ihr können wir komplexe Empfindungen und Wahrnehmungen genau beschreiben… Mit ihr können umfassende Welterfahrungen in Worte gefasst und begriffen werden.

Doch immer wieder spüre ich den Impuls, manche Worte nicht zu nutzen, weil sie mit alten Meinungen so beschwert sind, dass sie meinem unmittelbaren Gefühl keine Flügel schenken können…

Ich liebe die deutsche Sprache. Sie schenkt mir Differenzierung und Genauigkeit. Aber manchmal macht sie mich sprachlos… Wenn wir den Wort-Raum eines Worte mit unseren Interpretationen so besetzt haben, dass es keinen freien Raum mehr für unkonventionelle Erfahrungen gibt, dann ringe ich mit den Worten und hadere mit meiner Sprache.

Kennen Sie das auch? Und wenn ja – bei welchen Worten?