Tibet 8: Der Segen der Täter

Der ehemalige Regierungssitz des Dalai Lama in Tibet war der Potala-Palast – eine Mischung aus Kloster, Tempel und eben – Palast. Er ist an der höchsten Stelle von Lhasa über 13 Ebenen auf einen Berg gebaut.

Die tibetischen Tempel und Klöster haben die Eigenart, so gut wie keine Fenster zu besitzen – sie werden fast ausschließlich von Butterkerzen beleuchtet. In ihnen ist es immer dunkel. In einem Land, in dem viele Menschen nicht lesen konnten, wurden Tradition und Vision über Bilder vermittelt – alle Wände sind daher mit Tangkas und Mandalas in kräftigen Farben bemalt, die allerdings im Dunkeln nur schwer zu erkennen sind. Obwohl wir über 4000 m hoch sind, fühle ich mich, als wäre ich in eine Jahrtausende alte Gruft, tief unter der Erde hinabgestiegen.

Nach einer Stunde im Potala habe ich das Gefühl, an der Geschichte und ihren Geschichten zu ersticken. Ich will nur noch raus. Wo sich Tradition und Religion der Welt verschließen, gibt es keine Entwicklung, keine Quantensprünge. Die Zukunft verschwindet. Ich kann körperlich spüren, was es für den Dalai Lama bedeutet haben muss, 20 Jahre seines Lebens nahezu ausschließlich in diesem Palast gelebt zu haben… Und ich kann auf einmal verstehen, warum er sich in Interviews als ehemaligen Gefangenen des Potala bezeichnet hat…

Als wir schließlich wieder unter der Weite des tibetischen Himmels stehen, stelle ich fest: Wäre ich der Dalai Lama – ich würde den Chinesen jeden Morgen auf Knien danken, dass sie mich in die Welt getrieben haben…

Plötzlich kann ich den Verlauf der Geschichte aus einer anderen Sichtweise sehen: Die Tibeter haben bis zum Einmarsch der Chinesen eine Politik der Abschottung betrieben. Sie hatten kein Interesse am Austausch mit Andersartigkeit, am Teilen ihrer Erfahrungen. Ohne die Annektierung der Chinesen, würden wir den tibetischen Buddhismus nicht kennen. Ohne sie wäre der 14. Dalai Lama wohl eine unbekannte regionale Größe geblieben.

Alles was den jetzigen Dalai Lama auszeichnet, wäre ohne die Chinesen nicht wirksam geworden: Seine Offenheit für andere Sichtweisen… Seine Fähigkeit, Buddhismus und westliche Wissenschaft in einen Dialog zu bringen… Sein Mut, die große globale Politik immer wieder an den Weg des Mitgefühls zu erinnern…

Hätten die Chinesen sich nicht als Täter zur Verfügung gestellt hätten, wäre all das nicht in die Welt gekommen.

Es gibt wohl einen Segen der Täter…

Tibet 7: Ein Leitbild für Mitmenschlichkeit

Während Wulf uns vorne führt, schützt Dawa, unser nepalesischer Bergführer, das Ende unserer Karawane. Er, dem der Weg am leichtesten fällt, geht Tag für Tag mit denen, die schwach und langsam sind. Die schlichte Mitmenschlichkeit, mit der er das tut, habe ich in Europa bisher bei niemandem erlebt: Es gibt keine überhebliche Abwertung der Schwachen, kein Mitleid mit den Fremden und keine gönnerhafte Toleranz gegenüber den Unerfahrenen. Er ist einfach da. Er macht es für uns ein bisschen leichter – indem er uns mit nichts beschwert…

Eines Abend sage ich zu ihm: ‚Dawa, you are a bodhisattva for the trekking people‘. – Im Buddhismus ist ein Bodhisattva ein Mensch, der seine eigene Geschichte vollständig erlöst hat und damit aus dem Kreislauf der Wiedergeburten ausgeschieden ist. Ein Bodhisattva kehrt freiwillig in den Kreislauf des Lebens zurück, um die zu unterstützen, die für ihren Weg noch Zeit brauchen. – Dawa schaut mich an und antwortet: Yes, that’s what I want to be. Als er das sagte, kann ich spüren, dass dieses Leitbild seiner Religion für ihn ein Ruf ins Dienen ist.

Bei vielen Chinesen, denen wir in Tibet begegnet sind, konnte ich so etwas nicht spüren. In ihnen trifft man auf Funktionalität und Ordnung, aber nicht auf die Kraft des Herzens. Sie haben keinen spirituelles Leitbild für Mitmenschlichkeit mehr. Mit der Kulturrevolution haben sie versucht jegliche Form der Spiritualität auszulöschen. In Tibet ist ihnen das allerdings nicht gelungen. Im Gegenteil: die Okkupation von Tibet (1950) bewirkt inzwischen eine Wiederbelebung des Buddhismus in China.

Kein anderes Flüchtlingsvolk erhält soviel weltweite Unterstützung wie die Tibeter im Exil. Die weltoffene und integrative Haltung des Dalai Lama hat dazu sicherlich beigetragen. Er bewirkt, dass viele Tibeter sich – trotz Ungerechtigkeit, Gewalt und Folter – nicht zu Hass und Feindseligkeit hinreißen lassen. Er ist für viele Menschen inzwischen selber zu einer gelebten Verkörperung von Mitmenschlichkeit geworden.

Ohne Mitmenschlichkeit bleibt Führung ein Machtspiel. Ohne eine Leitbild des Dienens können wir über die Unterschiede der Welt keine Brücke der Mitmenschlichkeit bauen. Dann bleibt dass, was uns trennt, wirksamer als das, was uns verbindet…

Tibet 5: Gebete im Wind

Wer in den Bergen des Himalajas unterwegs ist, kommt am Tibetischen Buddhismus nicht vorbei. Die Spiritualität der Menschen entspringt hier mitten in der Natur. Sie ist in jeden Pass, in jeden Fluss, in jedes Tal eingeschrieben. Die Menschen, die in der Höhe leben, wissen, dass sie nur verbunden mit der Natur überleben können. Die chinesische Regierung hat in den 60ger Jahren versucht die kommunistische Agrarwirtschaft auf Tibet zu übertragen – Tausende von Menschen sind in dieser Zeit verhungert… Wer nicht mit der Natur lebt, wird hier von ihr vernichtet.

Bei der Umrundung des Kailash habe ich den Wind als meinen Gegner erlebt. Er war eiskalt, er saß mir ständig im Nacken oder blies mir ins Gesicht. Er zerrte unentwegt an meinen Nerven. Ich bestaune, wie sehr die einheimischen Pilger davon ausgehen, dass die Natur auf ihrer Seite ist. Sie erleben den Wind – wie jedes andere Naturelement auch – als Verkörperung des Göttlichen.

Da der Schutz des Lebens unter diesen extremen Bedingungen viel Aufmerksamkeit braucht, übergeben sie einen großen Teil der spirituellen Praxis einfach einem der fünf Elemente (Erde, Feuer, Luft, Wasser, Raum)… Mantras werden in Steine gehauen und an heiligen Plätzen niedergelegt. Wasserräder werden an einem Flusslauf angebracht sind und treiben Gebetsmühen an. Auf jedem Pass werden dem Wind Gebetsfahnen anvertraut – die verschiedenen Farben symbolisieren dabei die einzelnen Elemente und die unterschiedlichen Kräfte…

 

 

Ich lebe in Deutschland – in einem Land der Mitte. Ich liebe den Rhythmuswechsel der Jahreszeiten. Nach den Extremen der Berge habe ich die Milde unseres Windes zu würdigen gelernt. Im Vergleich zu ihnen Land ist jedes Element gnädig – vor allem, weil es sich unaufhörlich mit anderen abwechselt.

Inzwischen hängt eine Tibetische Gebetfahne auf unsere Terrasse… Das Licht der Sommersonne spielt mit den Gebeten… Der Sommerwind tanzt mit jedem Element…Manchmal kommt der Regen vorbei… Sie erinnert mich an die unvorstellbar hohen Berge, auf denen Tibet erst beginnt… Sie lehrt mich Einfachheit und Dankbarkeit…

Tibet 4: Immer nur eins – und das ganz

Unter Akklimatisierung hatte ich mir vorgestellt, dass – nach einer Zeit der Anpassung – oben alles so läuft wie unten. Doch weit gefehlt… In der Höhe nimmt nicht nur der Sauerstoff sondern auch der Luftdruck kontinuierlich ab. Und das hat weit reichende Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit des Körpers. Es gibt in den Bergen nur bis 4200 Höhenmeter menschliche Siedlungen. Alles, was darüber liegt, können wir zwar eine Weile lang aushalten, es gewährleistet uns aber keinen regenerativen Lebensraum. Hier bleiben wir Fremdlinge.

 

 

Ihn über 4000 m Höhe ist die Fürsorge für die eigenen körperlichen Belange jeden Moment wichtig. Ich lerne, unmittelbar auf meine Bedürfnisse zu antworten. Jedes Zaudern hat Konsequenzen. Unter den Belastungen der Höhe ist das Immunsystem bis zum Äußersten gefordert. Rücksichtslosigkeit gegenüber dem eigenen Körper bezahlt man in dieser Höhe sofort – mit Kopfschmerzen, Schwäche, Erkältung, Fieber.

Die Reduktion von Sauerstoff führt notwendigerweise zur Vereinfachung des Lebens. Das beginnt für mich als erstes einmal damit, dass ich nicht mehr gleichzeitig Denken, Fühlen und Handeln kann. Ich muss wählen. Es geht immer nur eins – und das braucht mich ganz.

Bisher war mein Körpergefühl für mich selbstverständlich. Die Erfahrung der Höhe, des reduzierten Sauerstoffs, der Anstrengung und der notwendigen Sorge für mich selbst, hat mir gezeigt: Was wir als Selbstverständlichkeit erleben ist das energetische Zusammenspiel von unserem Körper mit seiner Umwelt.

Es gibt keine Unabhängigkeit.
Alles ist mit allem verbunden.

Tibet 3: Die Entdeckung der Langsamkeit

Unsere Wanderung beginnt in den Bergen von Nepal auf 2200 Höhenmetern. Von hier aus steigen wir begauf, bis wir schließlich – 8 Tage später – bei 4100 m die Grenze nach Tibet überschreiten.

Wulf ist vor allem damit beschäftigt, uns zu entschleunigen. Wir stellen fest: wir haben keine Ahnung vom langsamen Gehen. Wir kommen mit einem Konzept von ‚Sport in die Bergen‘. Wir lassen uns von unseren eigenen Ansprüchen die Berge hinauf und hinunter jagen. Wir wissen nichts von der Rhythmuskraft unseres Körpers und überfordern ihn damit ständig.

Schließlich zieht Wulf an die Spitze unserer kleinen Karawane und gestattet niemandem ihn zu überholen. Uns wird die Langsamkeit zugemutet.

Durch die Entschleunigung erlebe ich, wie viel Raum und Richtung in einem einzigen Augenblick möglich ist. Je langsamer wir werden, umso vollständiger können wir jeden Moment erleben: Einen Schritt ganz gehen… Sich alle Zeit der Welt zu nehmen, um auf einem Stein Platz zu nehmen… Sich im Augenblick der Begegnung mit einem Menschen ganz entspannen können…

Ich finde mein Glück in der Vollständigkeit des Augenblicks.