Blick in den Kopf – auf Bahnsteig 3

Mannheim Hauptbahnhof. Es ist 16.05 und ich warte auf meinen Zug nach Düsseldorf. Ich setze mich auf die Bank auf Bahnsteig 3 und spüre sofort, wie unangenehm kalt das Metall unter mir ist. Da sehe ich unter der Bank einen Spiegel liegen. Auf dem Deckblatt steht ‚Gesucht: Staatsfeind Steuersünder’. Das passt, denke ich, hebe das Magazin auf und setze mich darauf. Wofür unsere Steuersünder alles gut sind…

Nach einer Weile bewegt sich ein Mann in meine Richtung. Ich wundere mich noch, wie offensichtlich Isolation und Einsamkeit in seinem Energiefeld zu spüren sind, da setzt er sich neben mich. Eine Weile schweigen wir nebeneinander. Dann beginnt er unvermittelt mit lauten Selbstgesprächen. Eine ganze Tirade von Vorwürfen und Beschimpfungen macht sich neben mir breit. Er beschimpft Gott und die Welt – die Beamten, die Reichen, die Schaffner… Er hat scheinbar völlig vergessen, dass ich neben ihm sitze – oder es interessiert ihn einfach nicht.

Ich staune: Da verbringt jemand diese kostbare Wartezeit zwischen den Geschäftigkeiten des Lebens freiwillig – und ausgesprochen leidenschaftlich – mit negativen Gedanken, Hader und Ärger… Und ich darf zuhören, wie er laut denkt…

Wie viele Menschen es wohl gibt, die innerlich das gleiche tun – ohne dass wir ihre Gedanken hören können? Wie viele Menschen wohl lieber ihre Energie leidenschaftlich in den Hader stecken, als in die Chancen und Möglichkeiten ihres Lebens?

Vielleicht ist mein Optimismus ein eher ungewöhnliches Phänomen. Und vielleicht haben die meisten Menschen viel weniger Zuversicht in die Zukunft, als ich gehofft habe.

Was einem auf deutschen Bahnhöfen so alles begegnet…

Körpergedächtnis

Meine Freundin Carola erzählt mir von ihrer Körpertherapie. Durch die gezielte Fragen der behandelnden Therapeutin und dem damit verbundenen Muskeltest tauchten auf einmal Erinnerungen auf, die sie ‚vollständig vergessen’ hatte, die aber offensichtlich in ihrem Körper bewahrt waren.

Plötzlich fallen mir die Schuppen von den Augen: Unsere Erfahrungen sind gar nicht in unserem mentalen Gedächtnis gespeichert. Da unser Gehirn schöpferisch und kreativ ist, wird dort jede Erfahrung bewertet, verglichen, in bestehende Erinnerungen eingebaut – oder gelöscht. Während unsere ‚Erinnerungen‘ hier immer wieder eine neue redaktionelle Fassung erhalten, bleibt der ursprüngliche emotionale Abdruck in unserem Körper gespeichert – und zwar genau so, wie wir ihn in der Situation erlebt haben.

Wenn alle unsere Erfahrungen im Körper aufbewahrt werden, dann erscheinen körperliche Beschwerden und Symptome in einem ganz neuen Licht. Im Spiegel unseres Körpers erleben wir unsere emotionale Geschichte – und den Horizont unserer Möglichkeiten.

Seit Jahren spüre ich die Sehnsucht, an meinem Lebensende bis in jede Zelle hinein lebendig geworden zu sein… Dazu ist es wichtig, in meinem Körper wieder viel freien Speicherplatz zu schaffen – durch die Verflüssigung der im Körpergedächtnis eingefrorenen Erfahrungen.

Früher habe ich mein Denken für die größte Erkenntnisquelle gehalten.
Heute staune ich über die Weisheit meines Körpers – und das Denken dient dem intuitivem Wissen des Körpers.

Ich bin wohl – mit meinem Kopf unterm Arm – in den Körper gerutscht.

Über die Macht der Sprache

Daniel Goleman hat 1995 mit seinem Buch Emotionale Intelligenz den Grundstock dafür gelegt, dass wir 2007 so selbstverständlich über die Relevanz von Gefühlen und über emotionale Kompetenzen sprechen können.

Heute habe ich ihn als Redner bei TED entdeckt. Sein Vortrag ist auf Englisch, aber absolut sehens- und hörenswert. Wenn er über Compassion spricht, dann klingt es weder spirituell noch abgehoben… Es trägt auch keinen Geschmack von Schuld oder Scham… Es klingt nach Mitmenschlichkeit, nach Aufmerksamkeit, nach einfacher Verbundenheit unter Menschen. Wenn wir in Deutschland von Mitgefühl und Mitmenschlichkeit sprechen, dann klingen diese Worte oftmals verstaubt und weltfremd.

Manchmal verzweifle ich daran, wie abgenutzt unsere Worte sind. Wir haben eine so wunderbar vielfältige Sprache… Mit ihr können wir komplexe Empfindungen und Wahrnehmungen genau beschreiben… Mit ihr können umfassende Welterfahrungen in Worte gefasst und begriffen werden.

Doch immer wieder spüre ich den Impuls, manche Worte nicht zu nutzen, weil sie mit alten Meinungen so beschwert sind, dass sie meinem unmittelbaren Gefühl keine Flügel schenken können…

Ich liebe die deutsche Sprache. Sie schenkt mir Differenzierung und Genauigkeit. Aber manchmal macht sie mich sprachlos… Wenn wir den Wort-Raum eines Worte mit unseren Interpretationen so besetzt haben, dass es keinen freien Raum mehr für unkonventionelle Erfahrungen gibt, dann ringe ich mit den Worten und hadere mit meiner Sprache.

Kennen Sie das auch? Und wenn ja – bei welchen Worten?

Die Intelligenz des Körpers

Manchmal stelle ich mir vor, dass Billionen von Individuen glücklich in einer Gemeinschaft zusammen leben:

Alle wissen um was es geht.
Jeder bringt persönliche Fähigkeiten und Handicaps mit.
Jede Sichtweise hat ihre eigene Wahrheit.
Jeder hat ein klares Bild von dem, was er einzubringen hat.
Jeder akzeptiert, dass er unvollkommen ist und Hilfe braucht.
Jeder weiß, dass seine Begabungen erst in Kombination mit anderen wirksam werden.
Jeder integriert die Entwicklungen der anderen auf seine Weise ins Gemeinsame.

Solch eine Gemeinschaft gibt es. Es ist unser menschlicher Körper.

Offensichtlich funktionieren unsere Zellgemeinschaften besser als unsere menschlichen Gemeinschaften. Es gibt in unserem Körper keine heimatlosen Zellen, niemand ist sinnlos und ohne Bedeutung. Jeder ist bereit, alles von sich einzubringen, damit das größere Ganze gesund leben kann.

Wenn wir den Lebensstil unseres Körpers als Leitmotiv wählen würden, ginge es auf unserem Planeten wohl friedlicher und lebendiger zu… Wir könnten zu einem gemeinsamen Organismus und zu einer globalen Gemeinschaft zusammenwachsen.

Ich habe meinen Körpers als Leitbild gewählt.
Was lehrt dich dein Körper?

Den eigenen Rhythmus entdecken

In dem noch jungen Daimler Blog schreibt Mario Jung über seine Arbeit in der Dauernachtschicht bei Daimler. Er hat gewählt, nur nachts zu arbeiten, morgens um 6 wieder nach Hause zu kommen, bis 14 Uhr zu schlafen und dann den Tag zu genießen, bis er abends gegen 10 wieder zur Arbeit geht.

Meine Schwester Astrid und ihr Mann haben die gleiche Wahl getroffen. Früher kam Thomas erst gegen 18 nach Hause. Kurze Zeit später mussten die Kinder schon ins Bett. Heute hat er den ganzen Nachmittag und Abend Zeit für seine Familie Zeit. Diese familienfreundliche Arbeitszeit genießen inzwischen alle. Und Thomas bleibt der permanente Übergang in eine andere Schicht erspart, der für seinen Körper sehr anstrengend war.

Es ist gut, wenn wir unseren Arbeitsrhythmus selber wählen können.

Arbeiter und Angestellter haben nur selten diese Möglichkeit. Doch wer als Selbständiger arbeitet, muss seinen eigenen Rhythmus finden, weil er jeden Tag über seine Zeit selber entscheidet. Das ist nicht einfach.

Auf dem Weg zu meinem Rhythmus bin ich als erstes meinen Ansprüchen begegnet und dann meinen Schuldgefühlen. Ich habe entdeckt, wie oft ich in meinem Leben auf Körperimpulse, emotionale Bedürfnisse, Wünsche und Träume verzichtet habe… Ich habe viel ausprobiert, um herauszufinden, was mir gut tut. Eine richtig gute Idee war dabei meine Einführung der Gelben Tage. Sie haben mir gezeigt, dass meine Kraft Rhythmus braucht.

Heute weiß ich, dass ich den rhythmischen Wechsel zwischen den effektiven, kreativen und regenerativen Zeiten meines Lebens brauche. Erst der Rhythmuswechsel ermöglicht mir, leicht und mühelos zu arbeiten, die Begegnung mit Anderen zu genießen und mich körperlich zu entspannen.

Was ist dein Rhythmus? Und zwischen welchen Polen wächst deine Kraft?