Stell dir vor: Es gibt eine Frauenqoute – und keine geht hin

Nachdem ich angefangen hatte, in der Broschüre Managerinnen 50plus zu lesen, konnte ich nicht mehr aufhören. Das ist mir beim Lesen einer Broschüre aus einer Bundesministerium noch nie passiert!

Diese Studie hat der EWMD zusammen mit der Uni Bremen im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt. Sie handelt von den Frauen meiner Generation, die sich einen Platz in der Führungselite Deutschlands erkämpft haben. Sie beschreibt, warum erfolgreiche Managerinnen gerade in dem Alter aussteigen, in dem ihre männlichen Kollegen noch einmal durchstarten.

Wie sie gehöre auch ich zur Babyboomer-Generation. Wir wurden zwischen 1950 und 1965 geboren. Durch den Wandel der Geschlechterrollen, den Bildungsreformen und dem wachsenden Bedarf an weiblichen Arbeitskräften in den 1960-70er Jahren unterscheiden sich unsere Biographien deutlich von den Frauen, die bisher diese Altersstufe erreicht haben.

Die Frauen-Generation vor uns (heute 60-80 Jahre alt) wurde in einer Zeit ausgebildet in der Frauen an der Uni noch unerwünscht und das Karriereziel Management für Frauen undenkbar war. Immerhin war bis zur Reform des Ehe- und Scheidungsrechts (1976) durch das bestehende Familienrecht die Rolle der Frau als Hausfrau vorbestimmt. Der Ehemann musste bis dahin der Berufstätigkeit der Ehefrau juristisch zustimmen. Unglaublich – oder?

Die Studie Managerinnen 50plus kommt zu (gar nicht so) erstaunlichen Ergebnissen:

  • Firmen investieren viel Zeit und Geld, um weibliche Führungskräfte an Bord zu holen. Doch Managerinnen sind in ihrer zweiten Lebenshälfte immer weniger bereit, in patriarchalen Kulturen zu arbeiten. Sie wollen ihre Erfahrungen und Begabungen in einem Umfeld der Sinnhaftigkeit, Wertschätzung und Kooperation zur Geltung bringen – außerhalb von unternehmerischen Kulturen, die durch männliche Dominanz geprägt sind.
  • Managerinnen 50plus entscheiden sich zunehmend für den Ausstieg und einen Weg in die Selbstständigkeit. Mit ihrer Entscheidung müssen Unternehmen auf viele weibliche Kompetenzen verzichten.
  • Traditionelle Faktoren – wie Qualifikation, Ausfallzeiten, mangelnde Zeitsouveränität, niedrige Produktivität oder hohe Fluktuation – lassen sich bei den befragen Frauen für die Geschlechterungleichheit in Unternehmen nicht ins Feld führen. Dennoch stagniert ihre Karriere, gleichwohl auf hohem Niveau.
  • Der Anteil von Frauen in Führungspositionen sinkt, je größer ein Konzern ist. Bei vergleichbarer Qualifikation und Leistung liegt das Einkommen von Frauen auf allen Hierarchie-Ebenen immer noch um ein Drittel niedriger als bei Männern.
  • Die Lebensführung der meisten Managerinnen unterscheidet sich von den ‘normalen Biographien’ von Frauen. Sie leben eher unkonventionell: Sie haben oftmals Männer, die auch Hausmänner sind. Sie leben mit ihren Partnern nicht selten in getrennten Wohnungen. Und sie verdienen so viel, dass sie Dienstleistungen im Haushalt einkaufen können. Sie haben in der Regel weniger Kinder als ihre männlichen Kollegen.
  • Obgleich Managerinnen durch ihre Berufstätigkeit gebunden sind und häufig sogar das Familieneinkommen sichern, werden sie in der Lebensmitte erneut mit dem Anspruch konfrontiert, familiäre Sorgearbeit zu leisten. Nach der Betreuung der Kinder, wird nun die Fürsorgepflicht für Eltern und Schwiegereltern zur Frauensache erklärt.
  • Managerinnen durchlaufen auf ihrem Karriereweg durch männlich dominierte Unternehmen drei Phasen. Kampf um Anerkennung: Diese Frauen befinden sich in einem permanenten Konflikt zwischen der eigenen Selbstbeschreibung und dem männlich geprägten Verhaltens- und Wertecodizes im Unternehmen. Innere Kündigung: Aufgrund der häufig frustrierenden und erschöpfenden Erfahrungen in ihrer Berufslaufbahn resignieren viele Managerinnen. Sie würden gerne ihre Arbeit im Unternehmen beenden, können das aber nicht, da sie in ihrer Partnerschaft für das Familieneinkommen sorgen. Ausstieg in die Selbständigkeit: Mindestens ein Drittel der untersuchten Frauen plant einen Ausstieg in die Selbstständigkeit. Dies ist ihnen allerdings vor allem deshalb möglich, weil sie Teil eines gut verdienenden Doppelkarrierepaares sind.

Nach einem langen Kampf suchen sich diese Frauen beruflich noch einmal einen anderen Weg. Immer mehr Top-Managerinnen nehmen ihren Hut. Ihnen ist die Lust an den Werten  der Männern vergangen

Vor ihrem Weg durch die Hierarchien habe ich größten Respekt. Sie haben sich mutig gegen den Wind gestellt und damit ein neues Zeitalter vorbereitet. Mit ihrer Entscheidung, sich für das eigene Glück zu entscheiden, wagen sie wieder einmal Bahnbrechendes.

Möge ihr Wahl dazu führen, dass immer mehr Unternehmen sich für einen Kultur einsetzen, in der Frauen wieder Lust haben, ihr Vermögen zu teilen. Und dass wir alle 2012 den Mut finden, Entscheidungen zu treffen, die uns glücklich machen.

 

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