Kraft entsteht in der Pause

Eigentlich habe ich damals nur aus Not entschleunigt. Ich konnte einfach nicht mehr. Meine altgewohnten leistungsorientierten Funktionsmustern hatten mich total ausgebrannt, die (immer persönlich zu zahlenden) Kosten waren zu hoch geworden. Ich brauchte Raum und Zeit für mich – und fürs Nichtstun.

Irgendwann habe ich dann den Gelben Stift genommen und bestimmte Tage im Monate für mich markiert: Tage, an denen ich keine Termine oder Verabredungen annehme. Tage, die nur dafür vorgesehen sind, dass ich das tue, wozu ich Lust habe. An denen ich meinen – manchmal verrückten, manchmal banalen – Impulsen folge.

Wie gesagt: Eigentlich habe ich aus purer Not entschleunigt.
Doch was ich mit diesen Gelben Tagen erlebt habe, hat jede meiner Vorstellungen gesprengt:

Ich bin auf völlig neue Fragen gestoßen
Meine kreativen Ideen haben rapide zugenommen.
Die Lust auf meine Leben ist sprunghaft angestiegen.
Ich habe andere Herausforderungen und Angebote angezogen – und mit weniger Aufwand mehr bewirkt.

Heute weiß ich, dass ich erst durch Entschleunigung wirksam werde. Durch die Zeit zwischen den Aufgaben. Durch die Zeit für pure menschliche Begegnungen, die nähren und inspirieren.

Meine Kraft entsteht in der Pause.

Das Parfüm

Es war eines der ungewöhnlichsten Filmerlebnisse meines Lebens. Ein Sinnenspektakel, eine choreographische Meisterleistung. Eine Hinführung ins Mitgefühl, die unwiderstehlich ist…

Paris 1738: Grenouille wird mit einer außergewöhnlichen Begabung geboren. Er ist ein Wunderkind des Riechens. Er kompensiert seine Sehnsucht nach Liebe mit seinem größten Talent – so, wie wir es alle tun. Er ist besessen von dem Wunsch, durch einen Duft in die Liebe zu finden und zu führen.

Die Seele aller Wesen ist ihr Duft

Er erfindet ihn und die Menschen erliegen ihm – allerdings nicht aus Liebe, sondern durch die Manipulation ihres Geruchssinns. Sein perfekter Duft macht ihn am Ende einsamer als er je war.

Unser größtes Talent führt – solange es als Kompensation benutzt wird – immer an der Sehnsucht vorbei. Das größte Genie wird – so lange es seinen Schatten nicht kennt – nicht in die Liebe führen, sondern Leid und Schmerz erzeugen.

Am Ende ist keines meiner Gefühle eindeutig geblieben. Dieser Film bietet keine einfachen emotionalen Projektion an. Im Gegenteil – jedes Gefühl wird verstört, weil es einen emotionalen Doppelgänger hat, der die andere Seite fühlbar macht: Neben der Angst vor dem Bösen entsteht die Faszination für das Genie. Das scheinbar Unmoralisch-Mörderische wird mit so viel Schönheit inszeniert, dass die Liebe zu unseren eigenen Schatten unvermeidbar ist…

Der Film spielt mit unserer Sehnsucht nach Liebe… Und die fühlbare Beziehungslosigkeit von Grenouille schmerzt bis ins Mark… Ohne die Liebe zu unserem Schatten bleibt unser Wirken reine Manipulation… und jede Gabe ein Fluch…

Bernd Eichinger und Tom Tykwer ist ein Meisterwerk gelungen.

Plötzlich steht Ingo hinter mir

Manchmal fühle ich mich wie auf dem Sprungbrett – damals mit zehn. Es ging um den Fahrtenschwimmer, den ich unbedingt machen wollte, aber ich hatte so unermessliche Angst vor dem notwenigen Sprung vom 3-m-Brett. Ich weiß noch genau, wie ich auf dem Brett stand und die Angst jede Zelle meines Körpers durchspült hat…

Unten stand mein Vater und bot mit alle erdenklichen Belohnungen an. Ich kann mich noch an das Versprechen der Bratwurst erinnern. Ich habe noch nie Bratwürste gemocht… Schließlich bin ich gesprungen. Eher aus Liebe – als wegen der Wurst. Im Springen bin ich gestorben – mindestens dreimal.

Heute stehe ich wieder einmal auf einem Sprungturm. Und plötzlich steht Ingo hinter mir. Er springt in der IT-Wirklichkeit dieser Welt jeden Tag vom 3- oder 10-m-Brett und weiß nicht, ob im Becken wirklich Wasser ist. Er weiß, wie sich ein Sprung aus großer Höhe anfühlt. Er sagt: Ich stehe hinter dir… Und es geht immer um die Wurst…

Ich weiß, dass er weiß, wovon er spricht… und ich springe.