Wenn Großväter sprechen

Walter Holzer ist über 80 und erzählt in seinem Blog immer mal wieder aus seinen Erfahrungen im 2. Weltkrieg. Ich sitze jedes Mal gebannt vor dem Bildschirm… Seine Worte berühren mich tief.

Mein Großvater wurde 1911 geboren. Er war – Gott sei Dank – nie ein Soldat. Mein Großvater hat immer erzählt: Wenn er eingezogen worden wäre und Menschen hätte töten müssen, hätte er sich umgebracht. Doch das Leben war gnädig mit ihm: seine Fähigkeiten wurden in der Waffen-Industrie gebraucht.

Er war der uneheliche Sohn eines Gutsherren-Sohns und einer Magd. Er war ein Schande, ein Makel und wuchs wie ein Stück Vieh bei den Schweinen auf. Er war ein Casper Hauser. Aus ihm ist ein stiller Pazifist geworden. Das Leben mit den Menschen hat er nie gelernt und nie geschätzt. Er blieb menschenscheu. Erst seine Frau hat ihm den Weg in die Welt gezeigt. Erst mit seinen Urenkeln hat er das Lieben gelernt.

Am Ende seines Lebens verlor er erst seine Sprache und dann sein Gedächtnis. Er hat mir manchmal davon erzählt, wie er nachts von alten Erinnerungen heimgesucht wurde, obwohl er sich geschworen hatte, sie zu vergessen. Am Ende musste er die Ängste und die Verlorenheit seiner Kindheit noch einmal durchleiden – weil er sie zu Lebzeiten nicht teilen konnte.

In dir Walter erlebe ich einen Großvater, der sich erinnern will.
Ich liebe alle deine Gedanken, weil sie immer aus Geschichte gewoben sind… Danke dass du teilst, was dich bewegt.

Deine Worte segnen das Leben meines sprachlosen Großvaters und geben ihm einen Sinn.

Buchtipp: Wir nennen es Arbeit

Dieses Buch von Holm Friebe + Sascha Lobo über die digitale Bohème habe ich verschlungen. Es hat mich dorthin geführt, wo die Zukunft bereits heute beginnt – ermöglicht durch die sich rasant entwickelnden Internet-Technologien und realisiert durch Menschen, die sie ausprobieren und nutzen.

Ein gutes Interview mit den Autoren findet sich beim Elektrischen Reporter des Handelsblatts.

Es ist ein intelligentes Buch – voller historischer Bezüge, Anekdoten und Hintergrundinformationen. So praktisch und anschaulich beschrieben, dass es mir schwer viel, es zwischendurch aus den Händen zu legen. Für mich war es pure Inspiration, wie die Autoren die Möglichkeiten des Internets und seine Auswirkungen für eine sich wandelnde Gesellschaft beschreiben.

Ich habe Lust bekommen, im Netz noch mehr auszuprobieren… Und ich habe wieder angefangen, mich auf unsere gemeinsame Zukunft zu freuen. Das hat schon lange kein Buch mehr geschafft.

Die Wiedergewinnung der Zeit

Es gibt wirklich eine Stadt in Deutschland, in der ein Bürgermeister den Mut hatte, eine radikal unkonventionelle Entscheidung zu treffen: Hersbruck in Mittelfranken, eine Stadt mit 12.500 Einwohnern wurde 2001 durch die Konsequenz von Wolfgang Plattmeier die erste langsame Stadt Deutschland.

Hersbruck sind inzwischen 3 weitere Städte gefolgt: Waldkirch, Überlingen, Schwarzenbruck. Sie alle haben gewählt: keine Fast Food, kein großen Ladenketten, sondern Fleisch und Gemüse aus der Region. Wenig öffentliche Uhren und verkehrsberuhigte Zonen. Sie alle setzen auf Lebensqualität und Entschleunigung.

‚Man muss nicht autark sein‘, sagt Plattmeier, ‚aber Autarkie ist ein genussvoller Luxus, der einen letztlich viel aufmerksamer und sorgfältiger werden lässt.‘ Damit folgte er einer Innovation, die aus Italien kommt: cittaslow.

Geschwindigkeit führt zwar zunächst einmal zu Effektivität, beschreibt aber im Grunde eine verlorene Zeit, die durch einen erheblichen Aufwand an kontemplativen Zeit ausgeglichen werden muss.

Die Wiedergewinnung der verlorenen Zeit ist damit zum eigentlichen Kennzeichen von Lebensqualität geworden. Ein lesenswertes Essay dazu findet sich in der Zeit.

Es hat sicher seinen Sinn, dass dieser Impuls aus dem Süden kommt…

Wir Nord-Westler haben einfach immer noch eine große Vorliebe für Geschwindigkeit…

Hikikomori

Apropos Angst:
Leistungsdruck entsteht immer dort, wo Angst zu Anspruch geworden ist.

So verschwinden weltweit immer mehr Jugendliche aus Gesellschaften, in denen Konventionen wichtiger sind als Stärkung und Individualität. Aus Angst wählen sie die Isolation. Sie ziehen sich zurück und verlassen oft monatelang nicht mehr ihr Kinderzimmer.

In Japan nennt man sie Hikikomori – die Zurückgezogenen, in Deutschland ist diese wachsende Zahl von verschwindenden Jugendlichen bisher noch namenlos…

Wie sehr diese Heranwachsenden Unsicherheit als Möglichkeit begreifen können, wird auch von dem Vertrauen abhängen, das wir ihnen in diesem Jahr schenken… Und von unserem Mut, sie auf Wegen zu fördern, die wir erst mit ihnen lernen werden.

Leben und Arbeiten in der Zukunft

Nach wie vor werden Tausende aus ihrer Arbeit entlassen. Gleichzeitig wird denen, die Arbeit haben, soviel davon aufgebürdet, dass sie kaum zum Leben kommen. Viele Jugendliche streben nach einem ‚perfekten Lebenslauf’ – ohne dass sie ihre persönlichen Vorlieben kennen. Gleichzeitig werden jedoch zunehmend Führungskräfte mit einer brüchigen Biographie gesucht.

Der subjektiv erlebte Leistungsdruck ist inzwischen so groß, dass wir weder das Leben noch unser Arbeit genießen können.

Die gewohnte Sicherheit einer lebenslangen Festanstellung wird es in Zukunft nicht mehr geben. Es gab in der Geschichte noch nie so viel Notwendigkeit und Spielraum für Quergedachtes. Für die Entwicklung von wirksamen Veränderungsstrategien sind inzwischen gerade Unkonventionelles und Kombiniertes wichtig geworden.

Einen Buisness-Blog für diese Querdenker hat Elita Wiegand ins Leben gerufen. Seit 2 Wochen haben sie eine neue Kategorie eingeführt: Leben und Arbeiten in der Zukunft. Hier werden Arbeitsformen vorgestellt, die ungewöhnlich sind – ohne eigenbrötlerisch zu sein.

Mich begeistert diese Entwicklung. Sie schenkt uns die Möglichkeit, dem zu folgen, was uns am meisten inspiriert, zu teilen, was wir am besten können und uns in dem zu kombinieren, was uns fehlen.

Ich freue mich sehr auf das Buch: Wir nennen es Arbeit. Es fühlt sich an wie ein guter Start in die neuen Sichtweisen für 2007. Danke für deinen Tipp.