Kippbilder: Alles hat zwei Seiten

Kennen Sie die Kippbilder? Durch einen anderen Blickwinkel wird eine alte Frau mit Hexengesicht auf einmal zu einer attraktiven jungen Frau. Oder die Drehbilder? Eine alte Frau mit Knollennase wird – auf den Kopf gestellt – zu einer Prinzessin.

Hat man sich erst einmal eingesehen, ist es gar nicht so leicht, seine Sichtweise zu verändern. Es braucht Zeit, einen offenen Geist, entspannte Augenmuskeln und einen weichen Blick. Manchmal braucht es sogar die hilfreichen Tipps von anderen, um das Andere sehen zu können.

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Hinweis: Der Mund der alten Frau ist die Halskette der jungen Frau. Die Nase der alten Frau ist das Kinn der jungen Frau. Das Auge der alten Frau ist das Ohr der jungen Frau.

Bei unseren alltäglichen Beziehungsproblemen ist es genauso: Wir sehen zunächst nur eine Seite – nämlich unsere eigene. Und die halten wir für eine offensichtliche Wahrheit, für objektiv richtig und – im wahrsten Sinne des Wortes – für eindeutig.

In meiner Arbeit mit Paaren erlebe ich immer wieder, wie neue Möglichkeiten entstehen, wenn sich beide – aus Liebe – in die Schuhe des Anderen stellen und die Welt aus seiner Perspektive betrachtet.

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Am Anfang steht oft die Sorge, den eigenen Standpunkt zu verlieren, wenn wir uns auf die Sichtweise des Anderen einlassen… Doch haben wir erst einmal unsere eigene Perspektive auf den Kopf gestellt, kommt das große Staunen: Unterschiede befruchten und verbinden uns –  und durch die Liebe kann aus Reibung Wärme entstehen.

Hier gibt es noch mehr Kippbilder.

Fastenzeit: Sieben Wochen ohne Scheu

Ich war früher sehr aktiv in der katholischen Jugendarbeit. Ich habe Jugendgruppen geleitet, war im Pfarrgemeinderat, bin mit Kindern in Ferien-Camps gefahren und habe mit viel Leidenschaft unsere Gemeinde mit der Kritik und den Forderungen der Friedensbewegung konfrontiert.

In dieser Zeit ist ein tiefes Gefühl für christliche Feste und Rituale in mir gewachsen. Nur mit der Fastenzeit habe ich mich nicht wirklich anfreunden können – mir erschien das Geniessen immer viel schwerer als die Askese.

Vor ein paar Tagen erzählte mir eine Freundin, dass sie zwischen Aschermittwoch und Ostern an einer Fastenaktion der evangelischen Kirche teilnehmen wird. Das Motto: Näher! 7 Woche ohne Scheu. Hier wird der Verzicht auf eine persönliche Masslosigkeit mit der Einladung zu mehr Beziehung und Berührung verbunden. Dieses Sowohl als Auch hat mich sehr angesprochen.

Einer meiner letzten Einträge hieß: Ohne Verzicht wird es nicht gehen. Nun ja – ohne mehr Nähe wird es wohl auch nicht gehen. Hier kommen beide Bewegungen zusammen. Neugierig geworden bin ich nach unserem Gespräch auf die entsprechende Website gegangen. Dort lese ich:

Unsere vernetzte Welt bietet widersprüchlichen Luxus: Kommunikation rund um die Uhr, ohne unbedingt zu wissen, mit wem; Kontakte rund um den Globus, aber nicht mit den eigenen Nachbarn… Will ich den anderen wirklich erreichen, dann ist das immer noch Handarbeit. Gemeinschaft lebt von der Begegnung – von Angesicht zu Angesicht, mit offenem Visier, ohne doppelten Boden.

Die Fastenaktion will Sie ermuntern… zum Wagnis und zum Luxus leibhaftiger Nähe. Sie will Raum schaffen… für ein Streitgespräch, einen Krankenbesuch oder eine überfällige Liebeserklärung. Für alles, was nicht in eine SMS oder E-Mail passt. ‚Näher!‘, lautet unser Lockruf, mit dem wir Sie einladen, Robinson’sche Einsamkeiten aufzugeben, Bündnisse auszuhandeln, Überraschungsbesuche zu machen, eingeschlafene Kontakte aufzuwecken und einander die Freundschaft zu erklären.

Vielleicht haben Sie ja auch Lust für ein paar Wochen auf etwas zu verzichten, was in Ihrem Leben zu viel ist… Und stattdessen jeden Tag mit einem Menschen etwas von dem zu teilen, was fehlt…

Ich bin auf jeden Fall dabei.

Hand in Hand

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Im Mai 2009 habe ich für eine Woche meine Schwester Andrea Danowsky in ihrer physiotherapeutischen Praxis besucht. In einem Interview hat sie mit mir danach über ihr Verständnis von einer ganzheitlichen Physiotherapie gesprochen.

Daraus ist zwischen uns eine sehr spannende interdisziplinäre Kooperation gewachsen: Wenn ich das Gefühl habe, ein Kunde kommt in seinem Veränderungsprozess nicht weiter, weil er in alten Körperstrukturen festhängt, hat sie oft hilfreiche Hinweise für mich. Und wenn sie in ihrer Praxis erlebt, dass Körpersymptome durch Lebenskrisen, Beziehungskonflikte oder verdrängte Gefühle mitverursacht werden, findet sie oftmals in der Kombination mit meinem Knowhow innovative Behandlungsmöglichkeiten.

Seit Anfang des Jahres ist Andrea nun Partnerin in der Praxis, in der sie bereits seit einigen Jahren freiberuflich gearbeitet hat. Gleichzeitig hat sie angefangen, über ihre Sicht zur Physiotherapie in einen Blog zu schreiben. Ich staune, mit wie viel Elan und Leidenschaft sie sich für das einsetzt, was ihr am Herzen liegt.

Es macht Spass, mit jemandem Hand in Hand zu arbeiten. Wenn es dann auch noch die eigene Schwester ist, ist es ein Geschenk des Himmels.

Robert Enke wirkt auf dem Schulhof

Diese Woche kam eine Lehrerin zu mir ins Coaching, die sich seit einiger Zeit in unserem Institut supervidieren lässt. Wir sprechen über das, was sich im letzten halben Jahr durch die Supervision verändert hat und holen die Früchte unserer Arbeit ab. In diesem Zusammenhang beschreibt sie, dass sie eine eigene Sprache und Handlungsform für ihre Werte gefunden hat, und erzählt mir dazu folgendes Beispiel:

In ihrer Klasse gibt es ein 13-jähriges Mädchen, dem es in diesem Jahr immer schlechter gegangen sei. Als sie anfing, sich selber zu verletzen, habe sie sich eigenständig entschieden, in eine Klinik zu gehen; sie wußte, dass sie Hilfe braucht.

An dieser Stelle, steht mein Mund vor Staunen weit auf .

Inzwischen ist sie wieder zurück in der Schule und ist gegenüber ihren Mitschülern sehr offen mit ihrer Krankheit und dem Klinikaufenthalt umgegangen.

Mein Mund steht inzwischen sperrangelweit offen – die Selbstkompetenz dieses Mädchens ist wirklich unglaublich.

Vor 3 Wochen sei es auf dem Schulhof dann zu einem Streit zwischen ihr und einem anderne Schüler gekommen. Sie habe gehört, wie der Junge schließlich zu dem Mädchen gesagt hat: ‚Geh doch zurück in die Klappsmühle. Du kriegst dein Leben eh nicht geregelt‘.

Puh – das Leben mutete uns manchmal wirklich schweren Gegenwind zu.

Sie hat den Jungen dann zu einem Gespräch zu sich gerufen. Er sei doch Fussballer und hätte doch sicherlich von Robert Enkes Selbstmord gehört. Dieser tolle Torwart habe sich vor den Zug geworfen, weil er sich nicht getraut hat, darüber zu sprechen, dass er krank ist und Hilfe braucht. Seine Mitschülerin sei wirklich mutig; sie stehe zu ihren Schwächen und kämpfe für ihr Leben. Von Robert Enkes Tod habe sie gelernt, wie wichtig es ist, Menschen, die diesen Mut haben, zu respektieren und zu unterstützen. Sie würde ihm vorschlagen, auf seine Mitschülerin noch einmal zugehen und sich bei ihr entschuldigen…

Der Junge war betroffen und einsichtig. Er konnte spüren, dass seine Lehrerin ihn nicht verurteilte – sondern erinnerte.

Jetzt bekomme ich meinen Mund nicht mehr zu – ich bestaune die herzvolle Konsequenz diese Lehrerin.

Sie hat über eine Beschämung auf dem Schulhof nicht hinweggehört… Sie hat den Jungen dort abgeholt, wo ihm etwas wichtig und wertvoll ist (Fußball)… Sie hat ihm am Selbstmord eines Fußballers deutlich gemacht, wie wichtig ein respektvoller Umgang mit Schwächen ist… Sie hat für diesen Jungen mal kurz die Welt auf den Kopf gestellt, indem sie ihm gezeigt hat, dass es mutig ist, zu seinen Schwächen zu stehen… Sie hat dem Tod von Robert Enkes auf ihrem Schulhof einen Sinn gegeben.

Ich bin mir sicher, dieses Gespräch mit seiner Klassenlehrerin wird der junge Mann nie im Leben vergessen… Ich auch nicht.

Manchmal schmecken die Früchte meiner Arbeit einfach köstlich…

Gabriele Fischer – Wie kommt das Leben in die Worte?

Eine letzte Geschichte möchte ich hier noch über Gabriele Fischer erzählen:

Mich hat an Brandeins von Anfang die Sprache begeistert. In einer Zeit, in der Medien vor allem die Macht der Bildern einsetzen, vertraut dieses Magazin auf den Zauber von Worten. Meine Frage an Gabriele Fischer war daher: Was ist das Besondere an der Brandeins-Sprache? Und wie schaffen Sie es, so viele Autoren eine Sprache sprechen zu lassen?

Gabriele Fischer ist sichtlich stolz auf diesen Unterschied. Dann korrigiert sie mich: Es gibt keine einheitliche Sprache. Jeder Autor schreibt in seiner eigene Sprache (stimmt!) – und das sei auch so gewollt. Aber es gäbe eine Grundhaltung, die für alle Autoren verbindlich ist: Jeder Artikel soll eine eigene Dramaturgie haben und den Leser mitnehmen auf eine emotionale Reise zu Menschen und Unternehmen.

Es geht also nicht um nüchterne Fakten – sondern um das Erzählen von Geschichten. Während Fakten und Informationen uns vor allem mental ansprechen, geschieht beim Geschichtenerzählen etwas ganz anderes. Sie berühren uns emotional und werden ganzheitlich (mental, emotional, körperlich) verarbeitet. Sie nehmen uns mit in eine andere Wirklichkeit. Sie beleben uns.

Die Macht der Sprache hat mich von kleinauf fasziniert. Darüber habe ich ja bereits an anderer Stelle geschrieben. Ich spürte schon damals – irgendwie, dass Worte heilen können, dass Sprache einen Körper und eine Seele hat. Ich wusste nur nicht, wie das Leben in die Worte kommt. Und wieso die Worte der meisten Menschen so leblos waren. Lag es daran, dass sie die Kunst des Sprechens nicht verstanden – oder dass mein Hören nicht tief genug reichte?

Ich habe als Kind unter heftigen Ohrenschmerzen gelitten. Und bis heute ist es so, dass ich es nur schwer ertragen kann, wenn Sprach-Worte eine andere Sprache sprechen als die Körper-Sprache. Leblose Worte tun mir im Ohr weh. Und es macht mich zornig, wenn ich erlebe, dass Worte achtlos ausgespuckt werden, so als könnten sie kein Unheil anrichten…

Heute weiß ich, dass sich in unserer Sprache ausdrückt, wie nah wir unseren Gefühlen sind. Und wie sehr unsere Gefühle im Körper verankert und verwurzelt sind.

An diesem Abend war jedes Wort mit Leben gefüllt und hat nach leibhaftigen Erfahrungen schmecken. Ich habe gelauscht – ganz ohne Ohrenschmerzen.

Manchmal machen Worte richtig satt – oder?