Gefühle – Manipulation oder Transformation

Ich habe mir gerade zum dritten Mal die Scobel-Sendung Ewige Gefühle angesehen (Mai 2012). Darin diskutiert Gert Scobel im Rahmen des Max-Planck-Forums mit den Wissenschaftlerinnen Tania Singer und Ute Frevert über die Welt der Gefühle im Wandel der Zeit. Jeder, der in der Führung oder Beratung arbeitet, sollte sich diese Sendung immer wieder mal gönnen.

Gert Scobel hat zwei sehr interessante Forscherinnen eingeladen. Ute Frevert befasst sich am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin mit der kulturellen Bedeutung von Gefühlen. Tania Singer erforscht am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig Empathie. Für sie lässt sich Mitgefühl wie ein Muskel trainieren.

(Bitte schauen Sie die Videos bei Youtube bis 4/4)

Am Ende der Sendung wird es dann richtig spannend. Ute Frevert kritisiert hier, dass Gefühle immer wieder zur gezielten Manipulation eingesetzt werden. Heute werden sie nicht nur im Marketing ‚verwertet‘, sondern auch für die Leistungssteigerung in Unternehmen instrumentalisiert. Immer mehr Mitarbeiter reagieren darauf – durchaus zu Recht – mit Vorbehalten und Misstrauen.

Tania Singers Antwort darauf ist deutlich: Wir müssen Empathie zu Mitgefühl verfeinern. Empathie bedeutet erst einmal nur, dass ich mich in einen anderen Menschen einfühlen kann. Es sagt nichts darüber aus, wie ich das Wahrgenommene interpretiere oder umsetze. Mitgefühl beschreibt den Wunsch, das Leid des Anderen zu lindern. Dieses Gefühl kann erst entstehen, wenn sich Empathie mit Liebe und selbstloser Fürsorge verbinden.

Die meisten Psychopathen sind sehr empathisch. Sie wissen genau, was sie tun müssen, um ihre Opfer zu quälen, sind aber nicht zu Mitgefühl fähig. Ansonsten würden sie sich selber im Anderen erleiden – und sein Leid lindern wollen. Daher plädiert Tania Singer für ein gezieltes Mitgefühlstraining. Mitgefühl ist neurologisch mit dem Bindungssystem, dem Entspannungs- und Ruhezentrum verbunden und bildet damit im Gehirn einen Gegenpol zur Leistungsmotivation. Durch die Entwicklung von Mitgefühl werden wir daher tendenziell unbestechlich, denn unsere Gefühle sind dann nicht mehr einfach zu vermarkten.

Seit zwanzig Jahren vermitteln Birgit-Rita Reifferscheidt und ich, dass die Gefühle bei transformatorischen Veränderungsprozessen immer die Hauptrolle spielen. Erst wenn wir die eigenen Gefühle verstehen, annehmen und steuern können, sind wirkliche Musterunterbrechungen in unserer Biographie möglich. Ohne das Vertrauen in Andere sind transformatorische Veränderung nun mal nicht möglich. Und dieses Vertrauen entsteht durch fühlbare Erfahrungen, gelebte Glaubwürdigkeit und emotionale Authentizität. Das beginnt für jeden von uns mit seinen eigenen Gefühlen und mit emotionaler SELBST-Verantwortung. Die Gefühle der Anderen erschließen sich daraus dann – im wahrsten Sinne des Wortes – wie von selbst.

In den ersten Jahren mussten wir überhaupt erstmal Menschen für die Welt ihrer Gefühle interessieren und begeistern. Heute scheint es mir immer wichtiger, uns als Coach und Berater gegen die gezielte Vermarktung von Gefühlen zu wehren und uns von ihnen abzugrenzen. Wer Gefühle zu rein merkantilen Zwecken einsetzt, verhindern damit nämlich genau den Bewusstseinssprung ins ‚Unberechenbare‘, für den wir in unserer Zeit doch gerade angetreten sind.

Die Sendezeit bei Scobel war dann leider viel zu schnell vorbei… Aber vielleicht können wir die Diskussion ja hier oder auf Facebook miteinander weiterführen.

Ich bin neugierig: Wie ergeht es Ihnen mit den Gefühlen in der Führung? Sind Sie schon emotionsmüde? Welche Vorzüge des emotionalen Marketings geniessen sie als Kunden? Was erleben Sie als Coach, Trainer oder Berater bei Ihren Kunden im Umgang mit Gefühlen und Beziehungen ?

Für meinen Großvater

Eine Freundin erzählt mir, dass sie am Wochenende bei ihren Eltern war. Da sie gerade Das flüssige Ich las, lag unser Buch im Wohnzimmer, und ihr Vater nahm es immer wieder mal in die Hand (76 Jahre, ehemaliger Schlosser). Beim Abschied fragte er sie dann:

Kannst du mir das Buch vielleicht hierlassen? Ich stolper darin immer wieder über Sätze, die ich nicht kenne. Sie bringen mich auf neue Gedanken.

Mein Großvater hatte auch diesen Hunger nach frischen, unverbrauchten Gedanken. Bei ihm bin ich regelmäßig über Sätze gestolpert, die ich noch nicht kannte… Er liebte klassische Musik, naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten, mathematische Rätsel und philosophische Fragestellungen. Er konnte stundenlang in seinem Sessel sitzen, Beethoven oder Grieg hören, und dabei eine einzige Frage erforschen.

Doch im sozialen Miteinander war er ein sperriger Mensch – fast misantropisch. Es war nicht einfach, ihm zu zeigen, dass man ihn liebte… Berührungen, Körperkontakt und Umarmungen waren ihm unangenehm, und die Nähe von Menschen schien ihm manchmal fast körperlich weh zu tun. Er war einer der ersten, die Hitlers ‚Mein Kampf‘ gelesen haben. Danach wußte er, dass dieser Mann Vernichtung und Tod über Europa bringt. Er war ein überzeugter Pazifist – durch seine eigene Kindheit jedoch so gehandicapt, dass er sich darin nie mit anderen verbinden konnte.

Glücklich habe ich ihn vor allem auf den Spaziergängen erlebt, die wir zusammen unternommen haben. Vieles, was ich heute über Pflanzen und Tiere weiß, habe ich von ihm gelernt. Mit all den Seiten von mir, die sich in der Welt und unter Menschen fremd gefühlt haben, fand ich bei ihm ein Zuhause.

Er ließ mich erleben, was wir alles aus eigener Kraft schaffen können. Mich begeisterte allerdings schon als Kind viel mehr, was wir gemeinsam bewirken können. In der Entstehungsgeschichte zu unserem Buch habe ich mit Birgit-Rita Reifferscheidt nun sehr praktisch erlebt, wie viel ungeahnte Qualität und Wirkkraft durch ein kreatives Wir ermöglich wird.

Vielleicht ist ja nun endlich die Zeit der Einzelgänger und Einzelkämperinnen in unsere Familie vorbei… Es ist ein unglaubliches Gefühl, durch das Gestalten der eigenen Zukunft seine Großeltern und Eltern ehren zu können. Tief in der eigenen Geschichte verwurzelt zu sein – und doch über sie hinauszuwachsen.

Danke, dass ihr vorgegangen seid…

Führung beginnt mit Selbstführung

Elke-Maria Rosenbusch leitet die EWMD-Regionalgruppe in Stuttgart. Für den 30.05.2012 hatte sie mich zu einem Vortrag eingeladen.

Ich habe an diesem Abend über die Bedeutung von emotionaler Selbstführung in der Führung gesprochen. Darüber, wie wichtig es für Führungskräfte ist, sich mit der Wirkung von emotionalen Verschiebungen in Unternehmen und Organisationen auszukennen, und Kommunikationsformen zu ermöglichen, die das Gefühl von Zugehörigkeit erzeugen und gemeinschaftliche Kreativität bewirken.

Zum ersten Mal habe ich auch Das flüssige Ich vorgestellt, Widmungen geschrieben und unser Buch verkauft. Dabei entstand ein wunderbarer Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen Arbeits- und Fachbereichen. Es war ein inspirirender Abend für mich – leicht, tief und heiter.

Und auch wenn du, Birgit-Rita, an diesem Abend nicht da sein konntest, warst du doch die ganze Zeit mit dabei…  Als ich kurz vor Mitternacht in mein Hotelbett sinke, bin ich glücklich.

Das flüssige Ich hat Flügel bekommen.