Selbstwert wächst durch Resonanz

Wir Menschen sind Beziehungswesen – unsere Neuronen verknüpfen sich im Gehirn erst nach und nach zu unserer Identität. Und zwar durch die Art und Weise, wie die Menschen, die wir lieben, unsere Energie berühren und beeindrucken, auf sie antworten und sie bewegen. Unser Selbstgefühl können wir uns nicht selber geben, es wurzelt in dem, was wir für die anderen sind.

Ich habe in meinem Leben immer wieder erlebt, dass aus liebevollen Beziehungen (geteilte Gefühle) Selbstwert und Vertauen wächst, und aus lieblosen Beziehungen (abgewehrte Gefühle) Selbstzweifel und Unsicherheit entsteht. Beides hinterlässt Spuren in meiner Identität.

Selbstvertrauen braucht Freude

Auf der Körperebene entsteht Selbstvertrauen durch geteilte Freude. Dr. Werner van Haren spricht in diesem Zusammenhang von erlebten Freudezirkel zwischen Mutter und Kind, die während der Schwangerschaft beginnen, und sich im besten Fall in vielfältigen freudvollen Begegnungen in der Familie und im Leben fortsetzen. So wandelt sich der Glanz in den Augen der anderen schließlich in unseren eigenen Wert.

Für Hartmut Rosa ist die Erfahrung von Resonanz die Basis unseres In-der-Welt-Seins (1). Für ihn bedeutet Resonanz nicht Bestätigung, sie ist kein einfaches Echo – eher eine Antwort. Wir brauchen die Erfahrung, dass Menschen uns antwortet und mit uns in Beziehung treten. Diese Antworten können sowohl positiv als auch negativ sein. Auch Reibung ist eine sehr kostbare Form der zwischenmenschlichen Verbundenheit.

Tiefe Resonanzerfahrungen beinhalten immer einen Moment der Transformation: Sie gehen uns unter die Haut, sie verwandeln uns. Wir kommen anders aus ihnen hervor, als wir reingegangen sind. Wenn wir uns nach einem schwierigen Gespräch mit einem Mitarbeiter erleichtert fühlen, dann weil wir uns – mitten in unterschiedlicher Sichtweisen – begegnet sind. Wir haben einander gehört, gefühlt, berührt – uns angesprochen.

Die Löcher im Wert

Das Fundament für unser Selbstbewusstsein bildet sich durch die frühen Resonanzerfahrungen in unserer Kindheit (2), doch wir sind weitaus mehr als das, was auf diese Weise in unser Selbstbild eingeschrieben wurde. Teile unserer Wesensenergie bleiben – auch in den liebevollsten Familien – unangetastet.

Ali Hameed Almaas spricht hier von den Löcher in unserem Wert (3). Das ist ein gutes Bild für das, was wir erleben: Plötzlich fallen wir in ein Loch. Alles, was andere über uns sagen, stößt hier auf Taubheit, und wird mit Abwertung und Rationalisierungen zurückgewiesen. Gar nicht in böser Absicht – hier fehlen uns oft einfach die Rezeptoren zum Nehmen (4).

Unsere Gesellschaft macht es uns leicht, diese Löcher – zumindest für eine Weile – mit Ersatz zu füllen. Dann wird Freude durch Konsum ersetzt, und Wert durch Leistung. Wir können diese Löcher auch mit der Energie anderen Menschen stopfen. Dann vereinnahmen wir ihre Ideen, Gedanken, Gefühle und machen sie uns zu eigen. Doch glücklich werden wir damit nicht. Zugehörigkeit gibt es nicht, solange wir andere benutzen, statt uns von ihnen berühren zu lassen.

Eine Tür ins Lebendige

Im Schatten unseres Selbstbewusstseins liegen unberührte Landschaften. Wir erleben sie als subtiles Gefühl von Fremdsein – mitten unter Menschen. Oder als gefühlte Taubheit mit uns selber – so als wäre wir nicht ganz da. Wir erleben sie als Nichts, als Niemandsland, als Selbstzweifel, als Scham – und erleiden im Kontakt mit anderen unsere eigene Abwesenheit.

Für mich sind diese Löcher im Selbstwert inzwischen sehr wertvoll. Sie sind Türen ins Lebendige, die sich öffnen, wenn sie Wohlwollen und Resonanz erleben. Hinter ihnen schlummern unberührte Aspekte meiner eigenen Energie. Jedesmal wenn ich den Stolz und die Gleichgültigkeit aufgeben, und mich dort von jemandem berühren lasse, öffnet sich die Tür – und das gefühlte Nichts erwacht zum Leben (5). Das zwingt mich manchmal in die Knie – und von dort sieht vieles anders aus. Alte Selbstbilder purzeln vom Thron, dafür zieht Menschlichkeit ein.

Eins steht auf jeden Fall fest: Der Wunsch ganz zu werden beginnt mit der Bereitschaft lebendig zu sein, und meine eigene Verletzlichkeit zu teilen (6).

Wenn ich mich berührbar mache, wandeln sich Leere in Offenheit. Mitten zwischen lauten Gedanken breitet sich Stille aus, und ich spüre den Herzschlag des Lebens. Pur, einfach, unverstellt.
So wächst ein Selbstwert, der mich trägt. Und Werte, die mich führen…

Literatur
(1) Hartmut Rosa (2016), Resonanz. Einen Soziologie der Weltbeziehung
(2) Katharina Ohana (2010), Gestatten Ich. Die Entdeckung des Selbstbewusstseins
(3) Ali Hameed Almaas (1998), Essenzielle Verwirklichkeit
(4) Christiane Windhausen, Birgit-Rita Reifferscheidt (2012), Das flüssige Ich. Führung beginnt mit Selbstführung
(5) Brene Brown (2012), Die Gaben der Unvollkommenheit: Leben aus vollem Herzen
(6) Brene Brown (2013), Verletzlichkeit macht stark. Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden

Das Pinguin-Prinzip

Eckhart von Hirschhausen bringt es auf den Punkt: Wer als Pinguin geboren wurde, wird niemals zu einer Giraffe. Ganz gleich, wie sehr wir uns anstrengen, wir können nicht anders werden als wir sind. Was nicht bedeutet, dass es nicht gut ist, sich immer mal wieder in Frage zu stellen – oder stellen zu lassen. Doch die Gabe der Selbstreflektion ist irgendwie ungleich verteilt… Den einen fehlt sie beinah ganz, von anderen wird sie nahezu exzessiv betrieben.

Für alle, die zu viel Zeit damit verbringen, ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu reflektieren, ist dieses Video wie gemacht.

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Potenziale sind Resonanzphänomene. Sie offenbaren sich nur in einem passenden Umfeld. Sie brauchen stimmige Beziehungskonstellationen, um sich zu entfalten. Und sie realisieren sich erst zum rechten Zeitpunkt. Erst wenn wir bereit sind, sind es die Dinge auch (Shakespeare).

Manchmal verändert sich unser Leben, indem wir wählen – oder wechseln. Uns auf einen Menschen einlassen – oder uns von jemandem verabschieden. In eine fremde Stadt ziehen und neue Möglichkeiten gewinnen. Uns für ein Umfeld entscheiden, indem wir nicht nur unsere Fähigkeiten einbringen, sondern sich auch unsere Potenzial entfalten können. In einem anderen Unternehmen neu anfangen. Wie der Pinguin können wir nur unser Bestes geben, wenn wir in unserem Element sind.

Ich habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich bestimmte Rahmenbedingungen brauche, um mich ganz geben zu können. Meine persönliche ‘Unabhängigkeitserklärung’ (Ich mache mich niemals von jemandem abhängig!) verhinderte die Einsicht, dass diese ‘Unabhängigkeit’ eine Form der Unverbundenheit ist. Und das Resonanz völlig normal und natürlich ist. Schließlich ist alles miteinander verbunden – und wir mittendrin.

Inzwischen achte ich genauer auf meine sensorische Körperwahrnehmung. Ich habe ein Gefühl dafür entwickelt, wie sich mein eigenes Energiefeld in Resonanz auf die Umgebung verändert. Und ich habe meine eigenen Bedürfnisse schätzen gelernt – sie helfen mir immer wieder folgende Fragen zu beantworten:

  • Welche Menschen unterstützen mich in meinen Möglichkeiten?
  • Welche Beziehungen reduzieren meine Energie?
  • Wann fühle ich mich zuhause?
  • Und wo gehöre ich einfach nicht hin?

Damit habe ich einen guten Kompass in der Hand, um mein Element zu entdecken und immer wieder auszusuchen. Wie machen Sie das?