Change als Flippen in einen neuen Zustand

Als ich anfing als Coach und Beraterin zu arbeiten, waren Change-Prozesse in Unternehmen noch genau definierte Projekte. Sie hatten ein klares Ziel, es gab einen genau umschriebenen Weg, und natürlich ein definiertes Ende. Change-Berater wurden für Projekte gebucht. Von ihnen wurde erwartet, dass sie einen guten Plan präsentierten, dafür sorgten, dass die Mitarbeiter mitgenommen (das heißt an den Plan angepasst) wurden – und dann wieder gingen.

Inzwischen ist die Welt ‘komplexer’ geworden, und Prozesse ‘unberechenbar’. Durch die globale Vernetzung haben Veränderungen am Markt ‘unmittelbare Konsequenzen’ für alle Betroffenen. Führungskräfte, Mitarbeiter und Berater reagieren darauf nicht selten mit Überforderung – und mit mehr vom Gleichen. Doch in der Natur und in unserem Körper haben wir die Anpassungsbewegungen an neue Umweltbedingungen im Wesentlichen ganz gut gemeistert. Im Grunde sind sie das Natürlichste der Welt. Wir waren nur so sehr mit unseren Plänen beschäftigt, dass wir die natürlichen Bewegungen nicht mehr wahrgenommen waren.

Jetzt bracht es neue Metapher für den Wandel. Denn die Bilder und die Sprache, die wir in Unternehmen für Veränderung, Change, Transformation verwenden, haben große Konsequenzen. Sie sind – mitten im Nicht-Wissen – so etwas wie emotionalen Leitplanken. Sie geben unserer Absicht ein Zuhause. Und sie definieren für alle Beteiligten den Raum der Möglichkeiten.

Auf seine unverwechselbare Weise bringt es Niels Pfläging auf den Punkt: Change beschreibt nicht mehr einen Weg, sondern das Flippen in einen neuen Zustand. Es geht nicht mehr um die Umsetzung von ‘Plänen’, sondern darum, die Bedingungen in einem Unternehmen so zu umzugestalten, dass Menschen in eine neue Verhaltensweisen flippen können.

Niels Pfläging flippt in der Transformation

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Hier einige Essenzen:

  • Es geht darum, den natürlichen Wandel zu ermöglich, statt ihn zu planen und zu verwalten.
  • Mitarbeiter sind nicht das Problem. Menschen sind Anpassungskünstler, sie verhalten sich stets angemessen/ sinnvoll in Bezug auf das Umfeld, in dem sie sich befinden.
  • Wenn wir Bedingungen ändern, können Menschen/ Organisationen in einen neuen Zustand flippen.
  • Flippen ist beabsichtigtes Arbeiten am System, und zwar v.a. durch Weglassen (von Chef-Parkplätzen, jährliche Mitarbeitergespräche, persönliche Ziele, Budget, Organigramm, Reisekostenrichtlinien usw.)
  • Wenn wir Milch in unseren Kaffee gießen, verändert er sich. So leicht ist Change!

(1) Edgar H. Schein, Humble Consulting – Die Kunst des vorurteilslosen Beratens. 2017
(2) Niels Pfläging, Komplexithoden: Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität. 2015
(3) Niels Pfläging, Organisation für Komplexität: Wie Arbeit wieder lebendig wird – und Höchstleistung entsteht. 2014
(4) Gerald Hüther, Die Macht der inneren Bilder: Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. 2014

 

Führung als gemeinschaftlicher Suchprozess

Seit vielen Jahren erforscht Prof. Peter Kruse die gesellschaftliche Transformation, die wir alle gerade erleben. Kaum jemand versteht es so gut wie er, diesen umfassenden gesellschaftlichen Veränderungsprozess systematisch zu beschreiben. Für mich ist er einer der bedeutsamsten Komplexitätsforscher unserer Zeit. Er ist in der Lage, systemische Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen. Er ist sprachgewandt und schnell, daher schau ich mir seine Videos immer mehrmals an. Für mich wird der Inhalt dabei jedes Mal verständlicher und praktischer.

In diesem Video spricht er über das Ende der hierarchischen Führung. Die Aufgabe der Führung besteht für ihn mehr und mehr darin, einen gemeinschaftlichen Suchprozess anzuleiten. Das ist ein echter Paradigmenwechsel. Hier eine Zusmmenfassung seiner Aussagen:

  • Durch Technik und Globalisierung ist eine extrem Vernetzungsdichte entstanden. Immer mehr Menschen teilen Informationen miteinander. Es entstehen viele spontane Aktivitäten, die wiederum mit massiven Rückkopplungseffekten verbunden sind.
  •  Es gibt auf einmal so viele Einflüsse, dass wir mögliche Veränderungen nicht mehr berechnen, bedenken, vorhersagen können. So entsteht Komplexität.
  • Veränderungsprozesse verlaufen immer schneller, sodass wir gar nicht mehr in der Lage sind, dafür Regeln aufzustellen. Wir müssen der eigenen Wahrnehmung vertrauen, um spontan handlungsfähig zu bleiben.
  • Die klaren Richtlinien für Falsch und Richtig lösen sich auf, und die Frage nach unseren Werten wird wichtig. In Form eines gemeinschaftlichen Suchprozesses gilt es gelebte Antworten zu finden: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie wollen wir arbeiten?
  • Fazit: Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu üben, mit ergebnisoffenen (nicht kontrollierbaren) Prozessen umzugehen.
Führung wird zu einem gemeinschaftlichen Suchprozess!

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Dennoch – es gibt bereits eine Reihe von Unternehmen, die ungewöhnliche Wege ausprobieren. Und das mit viel Erfolg. Die ARTE Dokumentation Mein wunderbarer Arbeitsplatz zeigt anhand von konkreten Beispielen aus Frankreich, dass ein gemeinschaftlicher Suchprozess großartig funktionieren kann, wenn hierarchische Strukturen aufgelöst werden und die Zusammenarbeit aller Beteiligten auf Vertrauen (statt Kontrolle) beruht.

Der Mut dieser Firmeneigentümer und Unternehmer, vorbehaltlos auf die Potenziale ihrer Mitarbeiter zu setzen, beindruckt mich sehr. Sie machen deutlich, wie viele Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sich ganz einzubringen und gemeinsam nach kreativen Lösungen zu suchen. Voraussetzung dafür ist alledings, dass sich Hierachie in Partnerschaft wandelt. Wie sich das auf alle Beteiligten auswirkt, zeigt der Film Augenhöhe.

Hier kommen Menschen aus unterschiedlichsten deutschen Unternehmen zu Wort. In ihnen wird etwas ganz Entscheidendes anders gemacht – es wird auf Augenhöhe gearbeitet. Das bedeutet zum Beispiel, dass sich in einer Klinik sowohl die Ärzte, wie auch die Pflege, die Therapeuten und das Reinigungspersonal mit dem Unternehmen identifizieren. Hier wird deutlich, dass Augenhöhe nicht nur mehr Zufriedenheit bei allen Beteiligten bewirkt, sondern auch eine größere Nähe zum Kunden/ Patienten. Die Filmemacher wollten eine gelebte Inspiration schaffen, und das ist ihnen auch gelungen. Inzwischen macht der Film seine Runde durch Deutschland. Es gibt zahlreiche Veranstaltungen, auf denen der Film zu sehen ist, und zu anschliessenden Gesprächen eingeladen wird. Vielleicht haben Sie ja Lust, an einem dieser Abend dabei zusein.