Robert Enke wirkt auf dem Schulhof

Diese Woche kam eine Lehrerin zu mir ins Coaching, die sich seit einiger Zeit in unserem Institut supervidieren lässt. Wir sprechen über das, was sich im letzten halben Jahr durch die Supervision verändert hat und holen die Früchte unserer Arbeit ab. In diesem Zusammenhang beschreibt sie, dass sie eine eigene Sprache und Handlungsform für ihre Werte gefunden hat, und erzählt mir dazu folgendes Beispiel:

In ihrer Klasse gibt es ein 13-jähriges Mädchen, dem es in diesem Jahr immer schlechter gegangen sei. Als sie anfing, sich selber zu verletzen, habe sie sich eigenständig entschieden, in eine Klinik zu gehen; sie wußte, dass sie Hilfe braucht.

An dieser Stelle, steht mein Mund vor Staunen weit auf .

Inzwischen ist sie wieder zurück in der Schule und ist gegenüber ihren Mitschülern sehr offen mit ihrer Krankheit und dem Klinikaufenthalt umgegangen.

Mein Mund steht inzwischen sperrangelweit offen – die Selbstkompetenz dieses Mädchens ist wirklich unglaublich.

Vor 3 Wochen sei es auf dem Schulhof dann zu einem Streit zwischen ihr und einem anderne Schüler gekommen. Sie habe gehört, wie der Junge schließlich zu dem Mädchen gesagt hat: ‘Geh doch zurück in die Klappsmühle. Du kriegst dein Leben eh nicht geregelt’.

Puh – das Leben mutete uns manchmal wirklich schweren Gegenwind zu.

Sie hat den Jungen dann zu einem Gespräch zu sich gerufen. Er sei doch Fussballer und hätte doch sicherlich von Robert Enkes Selbstmord gehört. Dieser tolle Torwart habe sich vor den Zug geworfen, weil er sich nicht getraut hat, darüber zu sprechen, dass er krank ist und Hilfe braucht. Seine Mitschülerin sei wirklich mutig; sie stehe zu ihren Schwächen und kämpfe für ihr Leben. Von Robert Enkes Tod habe sie gelernt, wie wichtig es ist, Menschen, die diesen Mut haben, zu respektieren und zu unterstützen. Sie würde ihm vorschlagen, auf seine Mitschülerin noch einmal zugehen und sich bei ihr entschuldigen…

Der Junge war betroffen und einsichtig. Er konnte spüren, dass seine Lehrerin ihn nicht verurteilte – sondern erinnerte.

Jetzt bekomme ich meinen Mund nicht mehr zu – ich bestaune die herzvolle Konsequenz diese Lehrerin.

Sie hat über eine Beschämung auf dem Schulhof nicht hinweggehört… Sie hat den Jungen dort abgeholt, wo ihm etwas wichtig und wertvoll ist (Fußball)… Sie hat ihm am Selbstmord eines Fußballers deutlich gemacht, wie wichtig ein respektvoller Umgang mit Schwächen ist… Sie hat für diesen Jungen mal kurz die Welt auf den Kopf gestellt, indem sie ihm gezeigt hat, dass es mutig ist, zu seinen Schwächen zu stehen… Sie hat dem Tod von Robert Enkes auf ihrem Schulhof einen Sinn gegeben.

Ich bin mir sicher, dieses Gespräch mit seiner Klassenlehrerin wird der junge Mann nie im Leben vergessen… Ich auch nicht.

Manchmal schmecken die Früchte meiner Arbeit einfach köstlich…

Hikikomori

Apropos Angst:
Leistungsdruck entsteht immer dort, wo Angst zu Anspruch geworden ist.

So verschwinden weltweit immer mehr Jugendliche aus Gesellschaften, in denen Konventionen wichtiger sind als Stärkung und Individualität. Aus Angst wählen sie die Isolation. Sie ziehen sich zurück und verlassen oft monatelang nicht mehr ihr Kinderzimmer.

In Japan nennt man sie Hikikomori – die Zurückgezogenen, in Deutschland ist diese wachsende Zahl von verschwindenden Jugendlichen bisher noch namenlos…

Wie sehr diese Heranwachsenden Unsicherheit als Möglichkeit begreifen können, wird auch von dem Vertrauen abhängen, das wir ihnen in diesem Jahr schenken… Und von unserem Mut, sie auf Wegen zu fördern, die wir erst mit ihnen lernen werden.