Kunst – aus Verletzlichkeit erschaffen

Ich bin vom Leben nur mit einer relativ geringen Portion Radikalität ausgestattet worden. Ich war auch noch nie besonders gut darin, mich meiner Angst zu stellen – und sie in Mut zu wandeln. Vielleicht beeindruckt mich die Performance-Künstlerin Marina Abramovic deshalb so tief. Für sie ist Angst eine Grenze, die es zu überwinden gilt. Ein Tor hinein ins eigene Potenzial, ein Schlüssel in die Freiheit. Und sie lässt sich durch nichts und niemanden davon abhalten, das zu tun, was sie fürchtet.

Ich habe bei meiner Arbeit schon sehr früh herausgefunden, dass ich mich nicht verändern werde, solange ich immer nur Dinge tue, die ich mag. Nur wenn du Dinge machst, vor denen du Angst hast, die du nicht wirklich kennst oder die sogar völliges Neuland für dich sind, nimmst du neue Perspektiven ein. Du erreichst ein anderes Bewusstsein. Genau das ist mein Ziel. (1)
Ihre Kunst ist ein Energie-Dialog – geboren aus Verwundbarkeit. Ein unkontrollierbares Ereignis zwischen ihr und ihrem Publikum. Sie setzt sich gnadenlos der Begegnung aus – ganz gleich, ob sie schmerzhaft, lustvoll, traurig oder ekstatisch ist… Sie macht es für einen Augenblick, für Stunden, Tage, oder wie im MoMA für viele Wochen. Sie nutzt ihren eigenen Körper als Medium, um Bewusstsein zu verändern.

 

Sie ist in diesem Jahr 70 geworden…
Leidenschaft ist offensichtlich keine Fage des Alters.

(1) Du mußt Dinge tun, die Angst machen, TAZ 9.7.2011 http://www.taz.de/!269905

 

Jede Bewegung beginnt mit einer Begegnung

Jetzt habe ich das Video schon so oft angesehen… Und jedes Mal staune ich über die Bewegungen, die durch einen einzigen Anstoß in uns möglich werden – und über die Kraft der Anziehung.

Wenn wir bereit sind, uns wirklich zu begegnen, ist alles möglich (Ralf Vorschel).

Ich übe mich gerade darin, in jeder Beziehung genau hinzuhören. Doch das ist oftmals leichter gesagt als getan… Es braucht die Bereitschaft, mich wieder verletzlich zu machen – und natürlich den Abschied von alten Bewertungen.

Die Erfahrung, die ich damit mache: Wenn ich den Anregungen folge, die mir Menschen mitbringen, führt mich das Leben zu Chancen ausserhalb meiner Vortstellung – und zu Begegnungen voller Lebendigkeit

Danke für die Inspiration. Verletzlichkeit lohnt sich.

Magnets and Marbles !
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Ich und du

Ich kann mich noch gut erinnern: Ich war 14 Jahre. Es war 10 Uhr, und wieder einmal begann die große Pause in der Schule. Aus allen Klassen stürmten Schülerinnen und Schüler auf den Hof – und mein persönlicher Albtraum be- gann. Das Kreisgymnasium in Halle (Westf.) war nicht groß, und doch erschien mir der Pausenhof wie ein unendliches Universum. Wenn ich mich über diesen Platz bewegte, war ich – bevor ich am anderen Ende ankam – mehrmals gestorben. Entfernungen schienen unendlich, Mitschüler unerreichbar, und der Raum dazwischen unüberwindbar.

1957 – also ein Jahr bevor ich geboren wurde – hat Martin Buber sein Buch Ich und Du geschrieben. Bis heute gehört dieses Buch zu meinen persönlichen Bücherschätzen. Martin Buber zählt für mich zu den Menschen, die den Raum der Begegnung mit viel Genauigkeit und Liebe ins Wort gebracht haben:

Beziehung lebt im Raum zwischen uns. Sie lebt nicht in mir und nicht in dir, nicht mal in unseren Dialog. Beziehung braucht den Raum zwischen uns, um sich zu enfalten… Dieser Raum ist heilig.

Mit 14 habe ich diesem Raum allerdings vor allem als Isolation erlitten. Ich wusste nicht, dass sich abgewehrten Gefühle (Ängste, Hilflosigkeiten, Über- heblichkeiten) im Beziehungsraum ablagern, und verhindern, dass wir Offenheit erleben. Ich wußte nicht, dass diese emotionale Verunreinigung des Raums der Grund dafür waren, warum ich mich so unverbunden fühlte.

Ich habe viele Jahre gebraucht, um meine Angst vor Kontakt zu meistern. Immer wieder bin ich innerlich den Weg über den Schulhof gegangen. Ich habe nach Möglichkeiten gesucht, das zu verbinden, was in mir unverbunden war. Ich habe nach Wegen gesucht, dem Du im Anderen zu begegnen – und nicht meinen Vorstellungen von ihm. Auf diese Weise bin ich dann schließlich zu einer Expertin für Beziehungsentwicklung geworden.

Zu den großen Beziehungsexperten unserer Zeit gehören für mich Hedy und Yumi Schleifer. Seit Jahren inspiriert mich ihre tiefe Spiritualität, mit der sie den Raum zwischen uns segnen. Jede Begegnung ist für sie eine Möglichkeit dem Wunder zu begegnen.

TEDxTelAviv - Hedy Schleifer - The Power of Connection
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In diesem TED-Vortrag spricht Hedy Schleifer darüber, wie viel Mut es braucht, uns auf Kontakt einzulassen. Wie für Buber entspringt auch für sie Beziehung im Raum. Nicht in mir. Nicht in dir. Nicht mal im Dialog. Sie lebt im Raum zwischen uns. Für die Erfahrung einer tiefen Begegnung müssen wir uns von uns weg, und auf den anderen zu bewegen. Sie sagt:

There are three unvisible connectors – the Space, the Bridge an the Encounter… It takes courage to be connected.

Begegnung ist nur möglich, wenn wir den Raum zwischen uns zu einem heiligen Ort werden lassen. Ganz paktisch beschreibt sie, wie wir die Brücke bauen können – vom Ich zum Du, hinein ins Wir.

Lassen Sie sich inspirieren. Ich bin mir sicher, sie weckt auch in Ihnen die Lust auf Begegnung…