Das Geschenk der Generationen

Als ich zwölf war, kam meine Mutter vom Einkaufen zurück und erzählte sie mir, dass eine siebzigjährige Nachbarin jemanden suche, der ihr dreimal in der Woche die Kohlen aus dem Keller in ihre Wohnung im ersten Stock trägt. Ich hatte meinen ersten Job.

Ich habe ihr im Haushalt geholfen, bin für sie einkaufen gegangen und habe viele Jahre lang einen Teil meiner Freizeit mit ihr verbracht. Die meisten in meinem Alter haben das nicht verstanden – ich eigentlich auch nicht… Irgendwie fühlte ich mich damals mehr zu den Alten hingezogen, als zu den Jungen…

Diese alte Dame war dann auch der Grund, warum ich nach dem Abi ein halbes Jahr in einem Alten-Pflegeheim gearbeitet habe. Diese Zeit gehört zu den größten Schätzen in meinem Leben. Ich kann mich noch an viele der alten Menschen erinnern, denen ich dort – Tag für Tag – begegnet bin. Ihre Verlorenheit, ihren Humor, ihr Ringen mit dem Leben und dem Tod, ihre Dankbarkeit für die kleinen Gesten der Zuneigung.

Als ich schließlich meine erste Studentenwohnung bezog, war Frau Olyschläger kurze Zeit vorher in ein Altenheim umgezogen und hatte mir alles, was ich brauchte, aus ihrer Wohnung überlassen. Ich lag damals in einem rebellischen Kampf mit meinem Vater und wollte von ihm weder Geld noch Hilfe annehmen. Sie hat mir ermöglicht, den Einstieg in mein eigenes Leben mit Würde und Geschichte zu beginnen. Am Ende konnte sie friedlich sterben. Vielleicht auch weil sie die Möglichkeit hatte, ihre Erfahrungen mit einem jungen Menschen zu teilen, weil sie erleben durfte, dass ich ihre Lebensgeschichte bestaune und achte. Sie und meine Großeltern waren für mich wie eine tragende Schale, in der sich mein eigenes Leben entfalten konnte.

Erst als Erwachsene begann mich die Welt der Jugendlichen und der jungen Erwachsenen zu begeistern. Heute erlebe sie als einen wichtigen Kompass für meine und unsere Zukunft. So hat mich Inga Oltersdorf mit ihrem Posting Der eigenen Zeit verzeihen zu diesem Beitrag inspiriert.

Die Inspirationen der jungen Menschen fallen in die Schale, die sich durch das Lernen von den Älteren in mir gebildet hat. Irgendwie mußte ich mit dem Ende des Lebens beginnen, um mit mir anfangen zu können.

Inzwischen bin ich selber zu einer Schale geworden – für die, die nach mir geboren wurden… Ihre Flügel-Kraft entspringt der Wurzel-Kraft der Alten.

Was für ein Geschenk der Generationen.

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