Der Weg der Liebe oder der Weg des Friedens?

In seinem Buch ‚The Valkyris’ stellt Paulo Coelho fest: Irgendwann müssen wir alle wählen – zwischen dem Weg des Friedens oder dem Weg der Liebe.

Der Frieden nimmt immer den inneren Konflikt, die Anpassung und das Unabdingbar in Kauf, um friedliche Beziehungen – zu jedem Preis – zu gewährleisten. Hier läuft das Chamäleon zu Hochformen auf, hier findet es seine eigentliche Bestimmung. Hier hat die Flexibilität gewonnen und führt uns in eine lassende Weise der Hingabe.

Die Liebe aber ist niemals vorbehaltlos friedlich. Sie mutet sich ganz zu. Sie bekämpft alles, was trennt. Sie spricht Wahrheit, auch wenn sie unangenehm ist. Sie scheut keine Auseinandersetzungen und Konflikte. Sie durchschlägt – notfalls auch mit dem Schwert – das Dickicht aus Ignoranz, Lügen und Selbstbetrug. Sie fordert uns auf, uns aus Leidenschaft ganz zuzumuten, aus Liebe um etwas zu kämpfen, aus Liebe wütend zu werden, mich ganz zu zeigen und zu geben. Sie drischt uns, sie mahlt uns, sie bringt uns dazu, aus Liebe zu einem anderen Menschen zu wachsen.

Hier hat die Konsequenz des Herzens gewonnen. Hier führt die Liebe in die richtungsgebende Kraft der Hingabe… Und der Frieden beginnt in mir.

Auf einmal weiß ich: Manchmal hat allein die unbedingte emotionale Beziehungskraft die notwendige und wandlungsfähige Information (Changing Information), um uns an unsere verdeckten Möglichkeiten zu erinnern. In dieser Energie verbinden sich Frieden und Liebe – endlich – als fundamentale Kräfte der Hingabe.

Jetzt fehlt nur noch mein Mut zum vorbehaltlosen Ausdruck. Doch warum zögern, wenn alles so wohlwollend gemeint ist?

Das Geschenk der Abwesenheit

1987: Auf Lanzarote stirbt während einer Konferenz meine beste Freundin durch einen Verkehrsunfall. Am nächsten Tag segnet Peter Sloterdijk ihren plötzlichen Tod mit Worten, die unmittelbar aus seiner Betroffenheit geboren sind: Manchmal sei es gerade die Anwesenheit eines Menschen, die verhindert, dass wir ihn wirklich in seinem Wesen erkennen können. Er behielt Recht: In der Zeit nach ihrem Tod lerne ich Isis noch einmal neu kennen – als Geschenk des Himmels für meinen eigenen Weg und als gnadenreiche Zumutung des Lebens, um durch Enttäuschung und Leid hindurch in meine eigene Kraft zu wachsen.

2005: Johannes Paul II. stirbt nach einem langen und hartnäckigen Ringen zwischen Körper und Geist. In seinen letzten Lebensjahren hat er immer wieder meine Hochachtung gewonnen, weil er den Mut besaß, sich völlig ohne jede Scham in seinen menschlichen Schwächen zu zeigen. Er kannte einfach keinen falschen Stolz – das war wohl seine größte spirituelle Kraft. 25 Jahre lang – immerhin mehr als die Hälfte meines Lebens – war er ein stiller, fast unbemerkter Weltenführer unserer Zeit. Von seiner großen Kraft war kaum etwas zu bemerken – weil Bewertungen, Vorurteile und Meinungen uns daran gehindert haben, die spirituell-friedliche Dimension seiner Weltinnenpolitik wahrzunehmen und zu achten. Erst jetzt, wo er tot ist, werden Aspekte seines Wesens sichtbar, die über Jahrzehnte unsichtbar waren und von den Medien ausgeblendet wurden. In diesen Tagen lerne ich Johannes Paul II. als einen Menschen kennen, den ich nie kennen lernen konnte, solange er noch anwesend war.

Am 18. April öffnet sich nun ein Raum in eine neue Zukunft.
Möge das Leben uns allen einen Papst zumuten, den unsere Zeit braucht…

Eine Reise zu zweit in die Sichtbarkeit

Die Zeit des Coachings mit Christine Knauf ist für mich unvergesslich. Damals habe ich in meinem Tagebuch ein neues Kapitel begonnen: Wissen, worum es wirklich geht. Eine Reise zu zweit in die Sichtbarkeit.

Der letzte Brief von ihr enthielt einen kleinen Buddha. Er hatte auf dem Postweg seinen Kopf verloren – das kommt schon mal vor… ‚Triffst du Buddha unterwegs, schlag ihm den Kopf ab.‘ So hielt ich den Buddha rechts und seinen Kopf links in der Hand und dachte nur: Das passt! Seitdem hat Jochen in mühsamer Kleinarbeit und mit viel Liebe bestimmt dreimal den Kopf wieder angeklebt. Und doch – nach einer Weile – finde ich ihn wieder daneben-gelegt.

Die Supervision mit ihr hat wesentlichen dazu beigetragen, dass ich meinen eigenen Weg nicht nur gefunden habe, sondern auch zu gehen wagte… Wenn ich heute zurückschaue, dann weiß ich, dass ich ohne die klare Einsicht von anderen Frauen-die-ihrem-eigenen-Weg-folgen niemals hätte erkennen können, in welch einer Perfektion ich meine alte Familienrolle noch einmal re-inszeniert und mich in Ausweglosigkeiten eingesponnen hatte. Ich habe immer gespürt, dass sie in allem aus eigenen Lebenserfahrung und selbst-geborenen Weisheit gesprochen hast. Wenn sie nicht vorausgegangen wäre… Ich weiß nicht ob ich mich getraut hätte…

Prozesse der Wandlung brauchen ihre Zeit – vor allem, wenn sie einer weiblichen und organischen Spur folgen – auch das habe ich im letzten Jahr gelernt. Und manchmal geht mir Vieles immer noch viel zu langsam… Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Segen der Entschleunigung verstanden habe. In dieser Zeit habe ich viel an sie gedacht – in meinen Fragen, in meinen Zweifeln, vor allem aber in meiner Dankbarkeit…

Danke, dass du mit mir – aus deiner und meiner Unbestechlichkeit einen Weg gebaut hast…

Freiheit als Erfahrung der Verwundbarkeit

Ich kann mich noch sehr gut an die Zeiten erinnern, als Getrenntsein das Grundgefühl meines Lebens war. Ganz gleich ob ich in meiner Familie, unter Freunden oder Fremden war, ich habe mich nicht wirklich dazugehörig gefühlt. Für mich, die aus der Fremde kam, war Verbundenheit der Inbegriff von Freiheit und Führung beschrieb die Fähigkeit, immer wieder einzubeziehen, was unverbunden geblieben ist. Unabhängigkeit war für mich ein Fluch, in den ich mich geflüchtet habe, um die Verletzlichkeit, die Nähe und Kontakt mit sich bringen, nicht erleiden zu müssen.

Jetzt bin ich am anderen Ende angekommen. Ich stelle fest, dass ich mich nicht mehr trennen kann. Nicht mehr von meiner eigenen oder unserer gemeinsamen Geschichte. Nicht mehr von Erfahrungen, die ich nicht machen möchte. Nicht mehr von Menschen, die mich kränken und bekämpfen. Nicht mehr von denen, die sich durch Andersartigkeit nicht befruchten lassen (und davon gibt es leider immer noch sehr viele).

Im Zeitalter meiner lang ersehnten inneren Globalisierung zeigt sich Freiheit nun als Erfahrung meiner eigenen Verwundbarkeit. Alles verbindet sich miteinander und es wächst ein inneres Netzwerk, in dem jedes Fühlen und Handeln in seiner Wirkung erfahrbar wird.

Jetzt beginnt Freiheit für mich dort, wo ich auch in konflikthaften Situationen in Kontakt gehen und bleiben können, statt ins Alleinsein zu flüchten. Wo ich mich zumute statt abwende. Wo ich mich aus Liebe riskiere, statt mich auf eine Autonomie zu berufen, die im Grunde aus Resignation geboren ist. Wo ich für ein solidarisches Miteinanders einstehe, statt den Anderen zur Bestätigung alter und längst verstaubter Erfahrungen zu benutzen.

Auf einmal erlebe ich, dass Unabhängigkeit immer eine Illusion war – aufgeblasen von Angst und Stolz. In Wirklichkeit sind wir unwiderruflich verbunden und Freiheit beginnt mit der Erfahrung unserer eigenen Verwundbarkeit.

Im Nehmen geschieht Loslassen

Mit den inneren Löchern im Selbstwert ist das so eine Sache: Überall dort, wo ich in meinem Wesen nicht genommen worden bin, sind resistente Formen der Wertlosigkeit gewachsen. Ganz gleich was ich tue, um mich meines Wertes zu vergewissern – sie schmerzen und bezweifeln.

Ich habe erlebt, dass ich eine Flutwelle brauche, um die Tiefenschichten meines löchrigen Wertes endlich aufzulösen. Jetzt weiß ich, dass große existenzielle Erfahrungen dazu bestimmt sind, tiefe existenzielle Wunden zu erlösen. So hat sich die Welle für mich als unbeschreibliches Geschenk erwiesen. Sie hat mir gezeigt was möglich ist, wenn ich die Welle (in mir) dorthin nehme, wo meine Löcher sind: Größer kann das Zeichen – dass ich gemeint und wichtig bin – nicht sein… warum also nicht aufhören zu hadern? Sie hat mich gelehrt: Wer nicht nimmt, kann sich nicht verändern. Er kann mit den heilsamen Erfahrungen seine Kompensationen ausschmücken – über löchrigem Grund. Doch erst im NEHMEN geschieht Loslassen.

Leider haben wir das NEHMEN in Deutschland so gut wie gar nicht entwickelt. Wir wollen lieber Geben – und es vor allen Dinge alleine schaffen. NEHMEN liegt bei uns im Entwicklungsland der inneren 4. Welt. So sammeln wir Erfahrungen und leben Beziehungen, die wir nicht wirklich NEHMEN… und die uns im GRUND nicht verwandeln können.

Im Augenblick erlebe ich Deutschland als ein Land, das besessen ist von Effektivität und dennoch eine Verschwendung von Erfahrungen praktiziert, die mich zutiefst schockiert.

Wirkliche Effektivität entspringt aus der Kraft des NEHMENS.
Mögen alle, die der Welle begegnet sind, das Geschenk erkennnen, dass sie ihnen mitten ins Herz hinein zugemutet hat.