Führung braucht Selbstentwicklung

Caterine Schwierz bringt bei von Rundstedt spannende Themen auf die Strasse: New Work, Mosaikkarrieren, Talentmanagement… Für sie macht Karriere nur glücklich, wenn sie Sinn ergibt. Für den Karriereblog interviewt sie immer wieder Experten, die in ihrer Arbeit vermitteln, dass Veränderung ein selbstverständlicher Teil des Berufslebens ist – und eine Chance zur Weiterentwicklung. Diesmal war ich dran…

Wir haben uns im Perfetto an der Bilker Allee in Düsseldorf getroffen. Mitten im Trubel eines Samstagmittags, in einem der schönsten Kaffeehäusern der Stadt, sind wir in ein anregendes Gespräch über die Chancen der Selbstentwicklung in der Führung eingetaucht. Das hat – wie man sieht – viel Spaß gemacht…

Daraus ist ein Podcast und ein Interview entstanden. Viel Freude beim Hören oder Lesen.

 

Die Regeln brechen – im eigenen Kopf

Anders zu denken – über uns selbst, über andere, über gemeinsame Möglichkeiten von Zukunft – ist nicht so leicht, wie es klingt. Und es passiert uns in der Regel auch nicht einfach so. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Oftmals steht uns unser Wissen dabei im Weg – vor allem dann, wenn wir zu guten Spezialisten geworden sind. Dann laufen wir Gefahr, neue Erfahrungen durch unsere gewohnten Wissensfilter laufen lassen – so bleibt am Ende von den neuen Impulsen nicht mehr viel übrig.

Unser Bewusstsein besteht zu einem großen Teil aus geronnener Geschichte. Das heißt, die Regeln, aus denen sich unser Bewusstsein entwickelt, lernen wir von klein auf – relativ unbewusst und oftmals ohne wirkliche Alternative. Aus ihnen bildet sich schließlich das ‚Betiebssystem‘, das unser Denken, Fühlen und Handeln steuert. Dieses konditionierte Regelsystem definiert unsere Komfortzone – mit all ihren Heuristiken und Routinen. Hier deuten wir Erfahrungen durch den Filter der Vergangenheit und wir entscheiden nach alten Regeln. Das ist für uns vertrautes Terrain – einfach, bequem, schnell. Aber eben nicht innovativ…

In transformatorischen Prozessen und bei der Gestaltung von Zukunft stehen uns diese Regeln eher im Weg. Wenn wir etwas Neues erleben und gestalten wollen, ist es wichtig, uns immer wieder von eingespielten Regeln zu lösen – oder sie bewusst zu unterbrechen. Das macht Sven Gabor Janszky als Präsident der Rulebreaker Society in diesem Video sehr deutlich:

Gabor Janszky: Wer innovativ sein will, muss vergessen lernen

Ich habe relativ früh damit begonnen, mich mit meinem eigenen ‚Betriebssystem‘ auseinanderzusetzen, und die Regeln aufzuspüren, nach denen unser Bewusstsein funktioniert. Ich habe das nicht ganz so freiwillig gemacht, wie es sich hier liest. Mein Mut zur Musterunterbrechung wurde von viel Verzweiflung und Einsamkeit befeuert. Sie haben mich dazu bewegt, mich mit Menschen zu verbinden, die spüren, dass wesentliche Aspekte von uns in den Geschichten, die unser Regelsystem erlaubt, nicht auftauchen. Dass sich das Wilde und Ungzähmte von uns darin gar nicht enfalten kann…

Ich habe immer wieder erlebt, mit wie vielen Gefühlen das Brechen von Regeln verbunden war. Manche haben mich beflügeln (Neugier, Vorfreude, Begeisterung). Manche lösten Unsicherheit aus (Angst, Selbstzweifel, Hilflosigkeit). Immer war es leichter, wenn ich sie mit Anderen teilen konnte. Jedesmal wenn ich diese Gefühle annehmen, wertschöpfen und in ihrer Kraft würdigen konnte, konnte ich mich wieder etwas flüssiger durch den Raum der Möglichkeit bewegen.

Auf diesem Weg habe ich den offenen Raum schätzen gelernt, den die Japaner Ma nennen. Ma – das bedeutet: jedes Wissen, jede Bewegung, jeder Gegenstand, jede Beziehung erlangt seine Bedeutung durch den Raum (die Leere), der sie umgibt – und alles miteinander verbindet.

Mich inspiriert das. Denn es bedeutet auch: Wenn wir aus der Komfortzone unseres eigenen Denkens heraustreten, landen wir in der Fülle der Möglichkeiten, die das Leben für uns bereit hält.
Alles Neue beginnt mit unserem Mut zum Nichtwissen…

(1) Gerald Hüther, Wie kann ich meinen Geist dazu bringen, die Komfortzone zu verlassen? 2017
(2) Minimalistenfreunde, Ma – das japanische Konzept der Leere. 2014
(3) Sven Gabor Janszky, Stefan A. Jenzowsky, Rulebreaker. Wie Menschen denken, deren Ideen die Welt verändern. 2013
(4) Christiane Windhausen, Birgit-Rita Reifferscheidt, Das flüssige Ich. Führung beginnt mit Selbstführung. 2012

Dreifaltigkeit – Gott ist Beziehung

Talk at Google hat den Franziskanerpater Richard Rohr zu einem Interview eingeladen. Gesprochen haben Sie über die Dreifaltigkeit Gottes, ihre Bedeutung für die Transformation unserer Beziehungsfähigkeit – und über sein letztes Buch Divine Dance. Ich habe 48:37 Minuten lang wie gebannt zugehört – und überall die Liebe entdeckt.

Richard Rohr bringt mit seinem Verständnis der Dreifaltigkeit eine Beziehungsdimension ins Gottesbild hinein, die mich berührt und bewegt. Er sprengt das duale Bewusstsein auf und beschreibt sehr fühlbar, was in unserem Bewusstsein (und unseren Beziehungen) passiert, wenn eine dritte Position (Person) ins Spiel kommt.

Es geht um einen radikalen Paradigmenwechsel, für den das Bewusstsein bis heute nicht reif war. Der dualistische Verstand sieht alles in Zweierbegriffen, die Dreifaltigkeit aber führt uns zum Gesetz der Drei, statt des Gesetzes der Zwei. Das Gesetz der Zwei ist immer gegensätzlich, das Gesetz der Drei ist in sich dynamisch und fließend.

Während meines Studiums hat mich die Trinität Gottes wenig interessiert. Sie wurden so abstrus erklärt, dass ich sie nicht mit meinem eigenen Leben verbinden konnte. Aber ich habe immer wieder erlebt, wie wertvoll für meine Entwicklung gerade die Beziehungen waren, die den begrenzten Horizont einer Zweierbeziehung sprengten (berufliche Partnerschaften, Familie, Lebensgemeinschaften, Teams, usw.).

Richard Rohr hat es geschafft, mich über die Dreifaltigkeit noch mal staunen zu lassen… Für ihn offenbart sich das Göttliche vor allem in den Bewegungen zwischen uns, und zwar als ein nicht endender dynamischer Prozess.

Richard Rohr: "Divine Dance: The Trinity and Your Transformation" | Talks at Google

Der Gedanke, dass lebendige und dynamische Beziehungen mit Drei beginnen, ist nicht neu. Sigmund Freud sprach in diesem Zusammenhang von Triangulierung. Und beschreibt anschaulich, welche Individualionsprozesse in der Entwicklung des Kindes erst mit der Gegenwart einer weiteren Bezugsperson möglich werden. Um aus der symbiotischen Mutter-Kind Beziehung herauszuwachsen, braucht es eine dritte Peson – in seinem Fall den Vater. Erst sie ermöglicht die Ablösung aus der symbiotischen Mutter-Bindung, und eine Autonomie-Entwicklung des Kindes.

Solange wir in einem dualen Bewusstsein leben, ist die Beziehung zum Anderen immer geprägt von verbünden, ergänzen, ausgrenzen. Wir verbünden uns im Ähnlichen, wir ergänzen uns in unseren Unterschieden, wir grenzen uns ab vom dem, was uns befremdet. Damit stecken wir in einer dualen Welt fest. Sie basiert auf schwarz und weiß, richtig und falsch, oben und unten. Wir vergleichen uns, und schätzen den Anderen als höher oder tiefer, besser oder schlechter ein.

In jedem Fall können wir immer nur eine Seite sehen – von uns, vom Anderen. Wenn wir die schillernden Facetten erkennen wollen, die sich in unseren blinden Flecken verbergen, brauchen wir zusätzliche Perspektiven, Sichtweisen, Blickwinkel. Und die kommen erst mit anderen Menschen ins Spiel…. Sobald eine zusätzliche Person den Beziehungsraum betritt, können sich unsere Selbst- und Fremdbilder verflüssigen. Auf einmal werden Unterschiede deutlich und verschiedene Rollen möglich. Grenzen werden erfahrbar – und mit ihnen neue Kontaktformen.

Richard Rohr beschreibt für mich hier sehr fühlbar die DNA eines neues Wir-Bewusstseins. Ein Wir, in dem Eigenständigkeit und Gemeinschaft miteinander verbunden sind, das auf Vielfalt basiert und sich als Freude an Unterschieden zeigt.

Die Zeit ist reif, sind wir es auch?

(1) Richard Rohr, Divine Dance: The Trinity and Your Transformation. 2016
(2) Marion Küstemacher, Tilman Haberer, Werner Tiki Küstenmacher, Gott 9.0. Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. 2010
(3) Ken Wilber, Integrale Spiritualität. Spirituelle Intelligenz rettet die Welt. 2007
(4) Svenja Hofert über Spiral Dynamics. 2012
(5) Peter Spiegel, Megatrend WeQ – Die DNA aller sozialen Innovationen. 2014

Das Jahrhundert der Frauen

Immer mal wieder gibt es eine Dokumentation, die mich zutiefst bewegen. Diese ist eine davon. Inzwischen haben ich mir ‚Das Jahrhundert der Frauen‘ mehrmals angesehen: Die Dokumentation vermittelt sehr fühlbar, wie unser Verhalten von historischen Bedingungen beeinflusst ist, und sie stärkt unsere weiblichen Wurzeln.

Mir sind immer wieder meine Großeltern und Eltern begegnet. Auch meine Nichten und Patentöchter kamen vorbei. Und die Mentees und jungen weiblichen Führungslkräfte, die ich begleite. Manche von ihnen kommen aus Ostdeutschland, manche aus dem Westen. Das Weiblichen lebt in ihnen auf sehr unterschiedliche Weise…

Ich finde, jede Frau sollte sich diese Dokumentation anschauen. Für die Gestaltung unserer Zukunft ist es – sowohl für Frauen, wie auch für Männer – wichtig, um die weibliche Seite der Geschichte wissen. Damit lässt sich so manche persönliche Erfahrung an den richtigen Platz rücken…

Frauen im Kaiserreich und der Weimarer Republik

Kaiserreich und Weimarer Republik - Das Jahrhundert der Frauen - Teil 1

Frauen dürfen nur mit Erlaubnis der Männer arbeiten. Es ging darum ‚eine gute Partie‘ zu machen. Es gab große Unterschiede zwischen Bürgerfrauen, Arbeiterfrauen, Nonnen. Was sie bei allen Unterschieden gemeinsam hatten, war das, was sie nicht durften: nicht wählen, nicht gewählt werden, nicht in einer Partei sein, nicht über ein eigenes Vermögen verfügen. Bildung war in Preußen für Frauen nur in soweit vorgesehen, dass der Mann sich nicht langeweilte. Privilegierten Frauen wurden vorbereitet auf Mutterschaft, Kindererziehung, Handarbeit und Ehefrau. Bildung für Arbeiterinnen gab es nicht. 1914 wurde die Waschmaschine erfunden, aber die konnten sich nur wenige leisten. Hausarbeit war körperlich sehr anstrengend.

Frauen in der NS-Zeit und im 2. Weltkrieg

NS Zeit und Zweiter Weltkrieg - Das Jahrhundert der Frauen - Teil 1

Für die Emanzipation war der Nationalsozialismus ein Schlag ins Gesicht – der kriegerische Mann kam wieder nach vorne. Der BDM war für viele Frauen eine Befreiung aus dem männerdominierten Kreis der Familie (Brüder, Vater). Viele Frauen haben Hitler wie einen Popstar gefeiert. Hitler gab ihnen ein Gefühl von Wichtigkeit und Bedeutung. Die Mitarbeit der Frauen in der Politik war nicht erwünscht. Für Hitler sollten sich Frauen vor allem durch Treue, Pflichtbewusstsein, Opferbereitschaft, Selbstlosigkeit, Leidensfähigkeit auszeichnen. Muttersein wurde belohnt – sie sollte möglichst viele arische Kinder bekommen. Als der Krieg begann wurden Frauen so eingesetzt, wie es dem Krieg diente.

Nachkriegszeit und geteiltes Deutschland

Nachkriegszeit und geteiltes Deutschland - Das Jahrhundert der Frauen - Teil 1

Nach dem Krieg waren Frauen die Managerinnen des Alltags. Männer waren desorientiert und traumatisiert. Der Wiederaufbau war Frauensache. Politische Wahlen bleiben männerdominiert. Die Blütezeit der Kernfamilie bricht an. Das Wirtschaftswunder braucht die Frau als Arbeitskraft, die Teilzeitarbeit wurde erfunden. Frauen sind in BRD und DDR formal gleichberechtigt. Arbeit ist nach Lenin ein Grundrecht der Menschen. Wirtschaftlich waren Frauen DDR den Männern gleichgestellt, Aufstieg gab es auch für sie nicht. Die Pille (1961): ohne sie wären die wilden 60ger nicht möglich gewesen. Sie durfte zunächst nur mit Erlaubnis der Männer vergeben werden. Das Rollenbild beginnt sich erneut zu verändern: Freie Liebe, Minirock, § 218 und Rock ’n‘ Roll. Studentenbewegung, Kommune 1, Frauenbewegung. DDR wollte moderner sein als der Westen: Emanzipation wurde verordnet, Abtreibung war legal. Es gab Zwangsadoptionen, mit denen Eltern erpresst wurden, die systemkritisch waren.

Von der Wende bis heute

Von der Wende bis heute - Das Jahrhundert der Frauen - Teil 1

Emanzipation (Entlassung in die Eigenständigkeit) wird immer noch als Reizwort verstanden. Männer wollen Väter sein, 1/5 nehmen Elternzeit. Jede zweite Alleinerziehende lebt von Harz IV. Zu wenig Teilzeitstellen, zu wenig Kinderbetreuung. Frauen in Führungspositionen sind noch kein Rollenmodel. 1/3 im Bundestag sind Frauen, Wegbereiter dafür waren die Grünen. Angela Merkel gilt als die mächtigste Frau der Welt. Immer weniger Paare bekommen Kinder. Immer noch kein gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Schönheits-OPs: Frauen sind bereit ihre Gesundheit und körperliche Identität einem Ideal zu opfern. Muslimische Frauen: Schönheit in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist ihnen fremd. Ehrenmorde: Es geht nicht um Ehre, sondern um die Macht in der Familie und um archaische Bedürfnisse von Männer. Das Kopftuch als Widerstand gegen den Imperialismus des Westens.

Sicherlich, hier bleibt immer noch Vieles ungesagt – über die Frauenbewegung, über die Frauen im Widerstand, die Frau in der DDR, über das Frauenbild in den neuen sozialen Bewegungen… Und doch: Die Doku regt zum Selberdenken an, zum Nachfragen. Zu einem Gespräch mit jüngeren oder älteren Frauen.

Erst durchs Fragen, Hören und Teilen wird aus unseren Erfahrungen schließlich eine lebendige Geschichte…

 

75-Jahre-Studie: Was macht uns glücklich? Was hält uns gesund?

Robert Waldinger ist Psychiater, Psychoanalytiker und Zen-Lehrer. Er ist Professor an der Harvard Medical School, und leitet dort einer der längsten wissenschaftlichen Studien, die es je gegeben hat. Dabei geht es um die Frage: Was macht uns glücklich und hält uns gesund?

Seit 75 Jahren läuft diese Langzeitstudie nun schon, die Menschen während ihrer gesamten Lebenszeit begleitet. Am Anfang waren es nur Männer, inzwischen werden Frauen, Kinder und Enkel mit einbezogen. So werden Informationen aus unterschiedlichen Lebensphasen, aus verschiedenen Generationen und mit anderen historischen Hintergründen gesammelt und ausgewertet.

Fragt man junge Menschen (in den USA) zwischen 20 und 30 Jahren danach, was sie glauben, was sie glücklich macht, nennen 80 % von ihnen Geld. 50% von ihnen wären glücklich, wenn sie berühmt würden. Ob die Ergebnisse in Deutschland wohl ähnlich ausfallen würden?

Fragt man die 80-Jährigen, dann sehen die Antworten sehr anders aus. Im Rückblick auf ihr Leben beschreiben sie vor allem ihre Freunde, ihre Familie – also ihre Beziehungen – als Glücksbringer und Glücksbewahrer. Und die Statistiken belegen es: Ob und wie wir in Beziehung eingewoben sind, hat gravierende Auswirkungen auf unsere Gesundheit.

 

 

Ich staune, dass es eine Forschungsreihe gibt, die seit so vielen Jahren besteht, und kontinuierlich an die nachfolgernde Forschergeneration weitergeben wird. Robert Waldinger ist inzwischen der vierte (!) Forschungsleiter in diesem Projekt. Jeder Forscher passt die Studie an die aktuelle Zeit an, und trägt den Staffelstab bis zur nächsten Generation weiter.

Wissenschaftliche Forschung ist in der Regel von viel Abgrenzung und Konkurrenz geprägt. Mich berührt die Demut, mit der hier Forschung gemacht wird. Die Ergebnisse von denen, die vorgegangen sind, werden bewahrt, gewürdigt – und weitergeführt.

Zen und eine Haltung der Dankbarkeit scheinen der Forschung richtig gut zu tun… Danke, Herr Waldinger.
Für den langen Atem – und die Stille zwischen den Zahlen.

(1) Robert J. Waldinger M.D.: Harvard 2nd Generation Study
(2) Studie 2010: Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review
(3) Spiegel online 28.7.2010: Einsamkeit schadet genauso wie Rauchen