Ein Tisch und seine Geschichte

In dem Hotel auf Sri Lanka, in das wir immer mal wieder zur Ayurvedakur fahren, stand früher im Foyer ein großer Tisch aus schwarzem Holz. All abendlich haben sich um diesen Tisch Gäste getroffen, sich gegenseitig inspiriert und zum Staunen gebracht. Als der Tsunamie kam, hat er ihn einfach mitgenommen…

Nun waren wir wieder dort und haben an der gleichen Stelle einen neuen Tisch entdeckt. Ein Schreiner aus dem Hotel war nach dem Tsunamie losgezogen und hatte in den Trümmern nach Bruchstücken gesucht. Er fand elf verschiedene Hölzer und hat in liebevoller Arbeit  einen neuen Tisch gebaut.

Als die Eigentümerin des Hotels uns die Geschichte erzählt, bin ich sprachlos. Ein runder Tisch aus Tsunamie-Trümmern – was für ein Sinnbild für eine gelungene Transformation. Wir können aus Katastrophen neue Möglichkeiten kreieren – und Brüchen wieder zu etwas Ganzem zusammenfügen.

Wenn wir abends um den Tisch sassen, wurde immer mal wieder seine Geschichte erzählt. Kurze Zeit später waren alle in intensiven Gesprächen versunken. Jeder von uns hatte Krisen, Brüchen und Schicksalsschläge erlebt. Und auf irgendeine Weise hatte jeder einen Weg gefunden, aus schmerzlichen Erfahrungen eine lebendige Zukunft für sich und seine Familie wachsen zu lassen… Es waren spannende Abende – voller berührender Geschichten und ermutigender Begegnungen. Anschließend bin ich jedesmal beseelt und dankbar ins Bett gesunken.

Manchmal habe ich dann vor dem Einschlafen gedacht: Ob die Tiefe dieser Geschichten vielleicht aus dem Tisch entsprungen ist?

Alles ist Gnade

Leonard Cohen live zu erleben war für mich im letzten Jahr eine unvergessliche Erfahrung. Ich wußte um seinen Kampf gegen die Depression, seine heilsam Zeit im Zen-Kloster, über den Verlust seines Vermögens… Seine gesungene Poesie über all das – und mehr – hat mich tief bewegt und immer wieder zu Tränen gerührt.

Irgendwie scheint es zu unserem Menschsein dazuzugehören, dass das Leben unsere Pläne unterbricht. Uns Erfahrungen zumutet, die wir nicht haben wollen. Uns auffordert zu wachsen – gerade dort, wo wir es freiwillig nicht tun.

Inzwischen weiß ich die Brüche und Bruchstellen zu schätzen, die unverhofft in mein Leben einbrechen. Ich weiß, dass sich gerade aus unserem Schmerz das Wertvollste schöpfen lässt.

Mit der Zeit wächst das Staunen: Alles ist Gnade.

Ring the bell that still can ring.
Forget your perfect offering.
There ist a crack in everything,
Thats how the light gets in.

http://vimeo.com/6591817

 

Gemeinsam wird’s Englisch

Die Kompetenzmatrix aus unserem Buch ist ein wichtiges Tool in unserer Arbeit. Um die verschiedenen Arten von emotionaler Verschiebungen aufzulösen, bietet sie eine klare und handhabbare Struktur.

Aus den vier Kräften (Nehmen, Geben, Wählen und Verbinden) – ausgedrückt auf drei Ebenen (mental, emotional und körperlich) – ergeben sich 12 Kompetenzfelder. Im Laufe unserer Lebensgeschichte werden daraus Kompetenzen besonders ausgeprägt und andere vernachlässigt. So kann es zum Beispiel sein, dass jemand sich mental durch alle vier Felder bewegen kann, bei ihm aber die emotionalen Kompetenzfelder blockiert sind. Oder jemand hat eine ausgeprägte Ausdruckskraft, tut sich aber schwer, sich darin mit anderen zu verbinden, weil der übertriebene Ausdruck die Nimmkraft blockiert.

Auf jeden Fall lässt sich im Spiegel der Matrix deutlich erkennen, welche Stärken – aber eben auch Schwächen – wir entwickelt haben. Wer nicht mehr nur einfach besser, sondern ganz werden will, braucht dazu einen gelassenen Umgang mit seinen Talenten und seinen persönlichen Lernfeldern. Für die Entwicklung eines flüssigen Ichs ist die Kompetenzmatrix ein wunderbarer Kompass. Ich nutze sie als Landkarte für die eigene Beziehungsfähigkeit, aber auch für die nächsten Entwicklungsschritte und deren praktischen Umsetzung.

Inzwischen werden wir immer häufiger gefragt, ob wir die Matrix nicht auch in Englisch zur Verfügung stellen können. Personalentwickler, die mit der Matrix gearbeitet haben, wollen sie in ihren Unternehmen vorstellen, Coaches und Berater wollen sie gerne bei ihren internationlen Kunden verwenden.

Jetzt habe ich einfach mal mit der Übersetzung angefangen und mich dazu mit englisch-arbeitende Kollegen verbunden. Stefan Strobel war gerade in Südafrika und hat dort unsere Rohfassung mit nativ speakern abgestimmt, ergänzt und korrigiert. Dann bekam ich eine Mahttps://www.xing.com/profile/Stefan_Strobel6?key=0.0il mit diesem Anhang:

Was für ein Spass! So wächst ein kleines Projekt – über Kontinente hinweg – zwischen uns. Gelebte Übersetzung ensteht und ein gegenseitiges Staunen. Früher hätte ich all das alleine gemacht. Oder an einen (!) Profi abgegeben. Jetzt wächst unsere englische Matrix aus gegenseitigen Inspirationen. Damit entsteht nicht nur eine gute englische Fassung, sondern auch ein kollegiales Zusammenspiel, die uns gegenseitig verbindet und bereichert.

Ich bin begeistert, und gespannt auf den nächsten Input – von irgendwo unterwegs. Die neuen Medien machen all das möglich.

Die Wahrheit brennt – mitten in uns

Als Birgit-Rita Reifferscheidt mir dieses Buch ans Herz legte, steckte ich mitten in einem eigenen schmerzlichen Wahrheitsprozess. Ich mußte mir eingestehen, dass ich vor lauter Aktionismus meine eigenen Bedürfnisse vergessen hatte. Selbst-loses Handeln hatte für mich auf einmal einen schalen Beigeschmack – und eine alarmierende Bedeutung. Wenn ich wirksam sein wollte, musste ich mein eigenes Selbst ins Spiel bringen und lebendig halten.

Der Krieg der Scheinheiligkeit kam also gerade recht. Das Ringen von Thomas Druyen um die eigenen Wahrhaftigkeit konnte ich in jeder Zeile seines Buches mitfühlen – und teilen. Druyen ist Professor für Vermögenskultur an der Sigmund Freud Universität in Wien. Unter die Fülle seiner Erfahrungen mit den Reichen und Mächtigen zieht er hier einen Strich. Und enttarnt die Scheinheiligkeit in Hilfsorganisationen, Wirtschaft und Politik. Aber eben auch in sich selbst.

So ist ein mutiges Buch entstanden. Immer wieder – eigentlich bis ans Ende – tun seine Worte weh. Einfach weil sie wahr sind. Dass ein Professor so offen über seine Selbst-Prozessen spricht, ist in Deutschland ungewöhnlich. Sobald wir mit uns selber ehrlich werden, beginnt ein schmerzlicher Prozess der Enttarnung. Dann fängt die Wahrheit an zu brennen – mitten in uns. Und dieses Feuer ist nicht mehr so einfach zu löschen…

Es bewegt mich, wie der Autor versucht, eine Brücke zwischen dem Politischen und dem Persönlichen zu bauen, zwischen dem Spirituellen und dem Konkreten. Vielleicht weil ich mein ganzes Leben lang immer nach solchen Brücken gesucht habe und inzwischen selber Wege in die Wirksamkeit entwerfe. Der eklatante Mangel an Selbst-Wissen und Selbst-Bewusstsein, vor allem bei denen, die über die Macht verfügen, für andere zu entscheiden und zu handeln, hat mich immer wieder zornig gemacht – und wachgerüttelt.

Thomas Druyen plädiert in diesem Buch für eine Form der Verantwortung, die mit ehrlicher Selbsterforschung beginnt. Sie ist für ihn die Voraussetzung dafür, dass gesellschaftliches Handeln konkret werden kann – ohne scheinheilig oder zynisch zu sein. Seine Vision ist ein vereinter Menschenverstand. Er plädiert für ein Welt-Gremium, dass die Ziele vertritt, die für alle Menschen, aller Kulturen, alle politischen System gleichermaßen wertvoll sind.

Ich wünsche uns, dass Thomas Druyen die Möglichkeit bekommt, als internationaler politischer Berater tätig zu werden – als Mahner und Erinnerer. Als jemand, der auf das achtet, was nicht vergessen werden darf. Der die Fragen stellt, die wehtun, weil es auf sie keine schnellen Antworten gibt. Der auf die Probleme hinweist, die wie Feuer unter unserer Haut brennen, und für deren Lösung es unsere solidarische Vielfalt und gemeinsame Kreativität braucht. Einen vereinten Menschenverstand eben.

Dorthin wo Thomas Druyen mit seinem Buch weist (Selbsterforschung), fängt unser Buch an. Wo er für den vereinten Menschenverstand eintritt, sprechen wir vom kreativen Wir. Mal sehen, wann und wo wir uns treffen…

Was uns unter die Haut geht

Manchmal brauchen wir eine Pause, um wieder zur Besinnung zu kommen. So war ich zum Jahreswechsel auf Sri Lanka: Drei Wochen Ayurvedakur – auf den Spuren unserer Tsunami-Erfahrungen von 2004

Dort bin ich plötzlich wieder in mir aufgewacht – und zu Sinnen gekommen. Ich war zutiefst erschüttert darüber, wie weit ich mich von meinem Körper und meinen Sinnen entfernt hatte. Ich hatte mich im Taumel der Wichtigkeiten verloren und war nur noch auf Autopilot unterwegs. Fassungslos erkannte ich das Ausmaß des Vergessens, dass mit meinem Funktionieren einherging… Und dabei hatte ich mir doch fest vorgenommen, immer wieder im Chaos innezuhalten, mich mit meinem Körper zu verbinden, ins Zellbewusstsein zu lauschen und den Zauber des Lebendigseins zu geniessen.

Plötzlich fällt mir der Kellner aus der Lounge in Frankfurt ein, der sich auf seinen Arm geschrieben hat: Gott gebe mir die Kraft, Dinge hinzunehmen, dich ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Als ich ihn um ein Foto bitte, erzählt er mir, dass er nach einem Weg gesucht hat, sich selber nicht mehr zu vergessen. So hat er sich dieses Gebet auf den Arm tätowiert. Jedesmal, wenn er nun einen Gast die Hand reicht, erinnert er sich…

Ein paar Tage später treffe ich Karin. Sie hat ein ungewöhnliches Tattoo auf dem Rücken und wir kommen ins Gespräch. Sie erzählt mir, dass sie nie vergessen möchte, dass Jesus in ihrem Leben Wege findet, denen sie vertrauen kann. ‚Ich vertrau auf Jesus‘ steht daher auf ihrem Schulterblättern. Nach einigen Tagen sehr ich neben mir einen Mann mit ’silent‘ auf dem Rücken. Als ich ihn frage, was ihn bewegt hat, sich dieses Wort unter die Haut zu schreiben, sagt er: ‚Das ist mein größter Traum. So weiß ich, dass ich ihn immer im Rücken habe‘. Wir sind scheinbar alle vergesslich und suchen nach Wegen, uns zu erinnern.

Einsicht und Achtsamkeit fallen uns nicht einfach so zu. Wir müssen sie wohl immer wieder aus dem Sog des Alltags herauslösen und bewahren. Wachheit braucht Aufmerksamkeit – und Erinnerung…

Mir war es ein Rätsel, warum sich jemand tätowieren lässt. Allein die Vorstellung, dass Nadeln unter meine Haut dringen, schmerzt mich. Ich denke gleich an Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie, in dem eine Machine dem Gefangenen sein Urteil so lange in die Haut einschreibt, bis er stirb.

Biologisch sind wir erstmal nur für ein durchschnittliches Leben ausgestattet. Wenn wir uns darüber hinaus entwicklen wollen, braucht es Bewusstheit, Selbst-Liebe und die Selbst-Erinnerung an gewonnene Einsichten und Entscheidungen.

Zum ersten Mal kann ich nachvollziehen, warum manche Menschen sich tätowieren lassen. Jeder von uns braucht Brücken ins Erinnern. Sie nutzen dazu ihr Tattoo. Ich vertraue auf die Erinnerungskraft meiner Freunde und baue mir Alltagsrituale. Aber der Wunsch ist der gleich: Wir wollen nicht vergessen.